Kultur : Brückenkopf Büchner

Istanbul kommt: ein türkischer „Danton“ am Berliner Ensemble

Rüdiger Schaper

Büchner als Botschafter? Das Revolutionsdrama des 21-Jährigen, der danach nur noch drei Jahre zu leben hatte, ist eher Fanal als Fanfare. „Dantons Tod“, entstanden 1834, in dunkleren deutschen Zeiten: Auf unseren Bühnen spielt man es zumeist als politischen Abgesang, als Elegie des Individuums angesichts gewaltiger historischer Umwälzungen.

In Istanbul, am Stadttheater, hat „Danton’un Ölümü“ große Hoffnungen geweckt. Der deutsch-italienische Gastregisseur Roberto Ciulli, 71, wird als Überbringer einer neuen Ästhetik gefeiert. Denn türkische Bühnen, das sagen die Istanbuler Schauspieler selbst, suchen noch den Anschluss an die europäische Theaterwelt – so wie sich die Türkei auch politisch nach Westen dreht. „Wir spielen nicht nur Büchner, sondern demnächst auch ein Stück von Elfriede Jelinek, das wir gerade übersetzen lassen“, sagt Mazlum Kiper, der Intendant des Stadttheaters Istanbul, das drei Bühnen im europäischen und drei Bühnen im asiatischen Teil der Metropole bespielt, mit 250 Schauspielern, 500000 Besuchern pro Jahr und einem Etat von 15 Millionen Euro: „Wir spielen Ibsen, Molière, Schiller und Goethe, wir schöpfen aus dem gemeinsamen europäischen Kulturschatz“.

Es ist hier ein kleines Wunder passiert. Roberto Ciulli, Direktor des Mülheimer Theaters an der Ruhr, hat „Dantons Tod“ keineswegs aufgehellt oder umgeschrieben. Er zeigt einen revolutionären Affenzirkus, einen Friedhof der Ideologie, auf dem die Toten oder Untoten erwachen, um ihre Alpträume noch einmal zu erleben. Abgesehen davon, dass sie stolz sind, einen deutschen Klassiker zu spielen in der Regie des großen Theaterdiplomaten Roberto Ciulli, entdecken die türkischen Akteure in Büchners Text die eigene Geschichte der letzten hundert Jahre. Mit den Exzessen von politischer Gewalt, Terrorismus, Militärdiktatur. Atatürk, der Staatsgründer und radikale Modernisierer, erzählen sie, habe viele Ideen aus der Französischen Revolution übernommen. Die republikanische Kultur der Türkei sei davon stark geprägt.

Der Schauspieler Engin Alkan ist ein massiger Typ. Man stellt ihn sich, wenn man mit ihm ins Gespräch kommt, als gutmütigen Genussmenschen vor. Als Danton verwandelt er sich in ein Riesenbaby, so hilflos wie monströs. Für Alkan ist Danton ein Idealist – „aber das Volk ist nicht so schnell. Es kann mit dem Tempo der Politiker nicht Schritt halten. Und das macht dieses Stück jetzt so aktuell in der Türkei“.

„Wir sind ein europäisches Theater“, wiederholt der Intendant, der kurz vor der Wende bei Manfred Wekwerth am Berliner Ensemble Assistent war. Er hat das BE nie vergessen; in der Dramaturgie hängen verblasste Fotografien von Brecht. Doch Büchner ist ihnen jetzt näher. Büchner hat keine Lösungen angeboten. Büchner beschreibt, mit all seinem Fatalismus, Konflikte. Die Rigorosität der Jakobiner erscheint durchaus blutsverwandt mit islamischen Fundamentalisten. Und es ist nicht verfehlt, wenn Roberto Ciulli daran erinnert, dass die europäische Zivilisation und Demokratie aus sinistrem Wurzelwerk hervorwuchs.

„Danton’un Ölümü“, Büchner als Brückenkopf: Nun sind die Istanbuler auf Tournee in Deutschland. Nach Bochum, Mülheim und Hamburg spielen sie am Sonntag im Berliner Ensemble. Intendant Kiper lässt die alte Verbindung zum Schiffbauerdamm aufleben. Er hat eine Vision, die ebenso verrückt wie einleuchtend klingt: jeden Monat eine türkische Woche oder ein türkisches Wochenende in der deutschen Hauptstadt. Am Stadttheater Istanbul träumt man von regelmäßigen Abstechern nach Berlin, das schließlich eine mittelgroße türkische Stadt ist. Im Gegenzug soll das Berliner Ensemble in Istanbul gastieren, „so viele Menschen“, sagt Mazlum Kiper, „lernen und lieben hier die deutsche Sprache.“ Kiper bemüht sich um das Zustandekommen einer europäischen Theaterunion, der auch das griechische Nationaltheater angehören soll.

Man wünscht sich in Istanbul auch Roberto Ciulli wieder zurück. Der hat sie hungrig gemacht. Ciulli pflegt seit langem den Austausch mit türkischen Theaterleuten. Und man weiß, dass sein Engagement weit über die handelsüblichen Festivalauftritte hinausgeht. Besonders in islamisch geprägten und arabischen Ländern hat Ciulli manches riskiert. Ein Jahr vor dem Angriff der Amerikaner und Briten gastierte das Theater an der Ruhr in Bagdad und unterlief das Embargo. In Teheran inszenierte Ciulli mit iranischen Schauspielerinnen „Bernada Albas Haus“ von Federico Garcia Lorca; ein Drama des katholischen Fundamentalismus. „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen“, sagt Büchners Danton. Die Puppen wollen sich losreißen.

„Danton’un Ölümü“ in türkischer Sprache mit deutschen Übertiteln, Berliner Ensemble, 6. November, 17 und 20.30 Uhr

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