Kultur : Brüder, mehr Sonne

Arbeitskampf? Tarifverhandlungen? Krisenzeit? Alle schimpfen auf die Gewerkschaften. Wir nicht

Harald Martenstein

In den 70er Jahren war für bestimmte Leute der Kapitalismus an allem schuld. Nicht nur an der gesellschaftlichen Unterdrückung und am Elend der Dritten Welt, an auch den privaten Katastrophen. Schlechte Musik? Schlechter Fußball? Schlechter Sex? Immer fand sich ein Theoretiker, der einem erklärte: Es liegt am Kapitalismus.

Heute sind es die Gewerkschaften.

Die Gewerkschaften sind die Buh-Organisation für alles, was nach weit verbreiteter Ansicht falsch läuft in diesem Land. Zu viel Bürokratie? Zu hohe Steuern? Zu wenige Arbeitsplätze? Unbezahlbare Handwerker? Faule Lehrer?

Die Gewerkschaften sind schuld. Gewerkschaften sind zur Zeit etwa so populär wie Atomkraftwerksbetreiber in den 80er Jahren.

Wenn man es sich mal genau überlegt: An manchen Dingen, die falsch laufen, ist wirklich der Kapitalismus schuld. Und an manchen Dingen, die falsch laufen, sind wirklich die Gewerkschaften schuld. Man muss die Gewerkschaften also nicht verteidigen. Oder vielleicht doch? Ein Weltbild, dass fast alle Übel auf eine einzige Ursache zurückführt, ist immer falsch. Aber bequem ist es natürlich auch.

Die Gewerkschaften haben einen ziemlich großen Anteil an der westdeutschen Erfolgsgeschichte nach 1949. Das haben wir vergessen. In Italien, Frankreich, England wurde in den Nachkriegsjahrzehnten heftig gestreikt, in Deutschland dagegen wurde fleißig gearbeitet. Klassenkampf? Nicht bei uns! Die zahmen deutschen Gewerkschaften waren jahrzehntelang ein fetter Standortvorteil.

Die Gewerkschaften sorgten dafür, dass die Arbeitnehmer von dem ständig wachsenden Kuchen ein ordentliches Stück abbekamen. Das war nicht schwierig, sondern funktionierte nahezu automatisch. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft war konfliktscheu. Eine Konsensgesellschaft, eine „formierte Gesellschaft“, wie Ludwig Erhard es nannte, die erschöpft und wie ausgeglüht war von ihren gescheiterten Weltmachtleidenschaften.

Eine Zeitlang war es in Europa ein Vorteil, konfliktscheu zu sein.

In Lutz Hachmeisters Dokumentarfilm „Schleyer“ über den ermordeten Arbeitgeberpräsidenten kann man sehen, wie lässig damals Tarifpolitik gemacht wurde. Häufig in volltrunkenem Zustand. Während endloser Verhandlungsnächte wurde in beiden Lagern kräftig Whisky gebechert, vielleicht aus Langeweile, weil man sich im Prinzip schnell einig war. Bei der morgendlichen Pressekonferenz konnte der Gewerkschaftsboss Willy Bleicher kaum noch stehen und lallte wirres Zeug. Bleicher war Widerstandskämpfer, Kommunist, KZ-Häftling gewesen, sein Verhandlungspartner Schleyer schon als Student begeisterter Nazi, später SS-Mann. Aber beide respektierten einander. Schleyer galt in den Medien als Inbegriff des knallharten Kapitalisten, hinter verschlossenen Türen konnte er großzügig sein. Man stritt wirklich ungern in Deutschland, lieber legte man ein paar Mark drauf und einigte sich gütlich.

Natürlich hieß es immer: Die Forderungen der Gewerkschaft ruinieren die Volkswirtschaft. Die Gegenseite sagte immer: Die Unternehmer platzen vor Geld, die Hunde wollen es bloß nicht herausrücken. Beides stimmte nicht. Aber Übertreibungen gehörten zum Spiel. Jahrzehntelang. Immer wieder hieß es: „Alarm! Das Land geht unter!“ Deswegen haben wir in Deutschland erst relativ spät erkannt, dass wir wirklich ein paar Reformen brauchen. Wer jeden Abend aus seinem Fenster „Feuer! Feuer!“ ruft, der kriegt ein Problem, wenn es wirklich brennt.

Das, was heute in Deutschland von vielen Leuten als störend empfunden wird (Bürokratie, die hohen Steuern, ewige Arbeitslosigkeit, die teuren Handwerker), haben wir uns in Wirklichkeit gemeinsam eingebrockt. Alle haben mitgemacht, CDU, SPD, Kirchen, Arbeitgeber, alle. Waren Gewerkschaften bei uns je so mächtig, dass sie ganz allein die Richtung bestimmen konnten? Nein, niemals.

Es heißt: Die Gewerkschaften blockieren die Innovation, die Flexibilität. Damit stehen sie nicht alleine. Vor ein paar Wochen machte die Studie der Münchner Unternehmensberatung „Wieselhuber und Partner“ die Runde, nach dem die größte Zahl der deutschen Firmenpleiten, mehr als 80 Prozent, mit Fehlern des Managements zusammenhängt. Welche Fehler? Man sei nicht flexibel und innovativ genug.

Es heißt: Gewerkschaften sind Besitzstandswahrer. Moment mal, wozu gibt es eigentlich Gewerkschaften? Wer den Gewerkschaften vorwirft, dass sie Besitzstände verteidigen, der kann mit der gleichen Logik Unternehmer dafür anklagen, dass sie Gewinne machen möchten. Man kann einem Hund nicht vorwerfen, dass er keine Katze ist.

Die Demokratie baut auf dem Konflikt auf. Das unterscheidet sie von anderen Herrschaftsformen. Streit ist sozusagen ihr Motor. Jede Gruppe vertritt ihre Interessen, das ist in einer Demokratie völlig legitim. Wer seine sozialen Interessen vertritt, der tut, was das System von ihm erwartet. Wenn die Gewerkschaften für kürzere Arbeitszeiten und höhere Löhne kämpfen, tun sie also genau das, wozu sie da sind. Sie sind Interessenvertreter, keine Vertreter des Allgemeinwohls.

Was genau sind die eigenen Interessen? Diese Frage ist nicht immer leicht zu beantworten. Manchmal ist es langfristig klüger, kurzfristig auf etwas zu verzichten. Die Gewerkschaften denken ziemlich kurzfristig. Sie wollen lieber heute höhere Löhne als - vielleicht – morgen mehr Arbeitsplätze. Von wem haben sie sich das wohl abgeschaut? Denken die Politiker anders? Denken sie über den nächsten Wahltermin hinaus?

Und wer garantiert eigentlich, dass es morgen wirklich mehr Arbeit gibt, als Belohnung für den Verzicht von heute?

Die Gewerkschaften vertreten vor allem die Interessen der Arbeitsplatzbesitzer – genau das wird ihnen häufig kritisch vorgehalten. Sie vertreten nicht oder nur mangelhaft die Interessen derjenigen, die keine Arbeit haben. Damit sind nicht nur die Arbeitslosen gemeint, sondern auch die Kinder von heute, die darauf angewiesen sind, dass auch in 20 Jahren Arbeitsplätze vorhanden sind und der Staat nicht unter seinen Schulden zusammenbricht. Haben sie keine Lobby?

Anders gefragt: Warum sollen diesen Job eigentlich die Gewerkschaften erledigen? Warum fassen diejenigen, die mit viel Pathos über die Zukunft der Kinder reden, sich nicht an die eigene Nase?

Es sind zum Glück nicht nur die Interessengruppen, die bei uns Politik machen, es gibt auch noch ein paar andere Faktoren. Zum Beispiel die öffentliche Meinung. Warum wurden die westdeutschen Bürgerkinder Ende der 60er Jahre massenhaft marxistisch? Warum entstand in den 80er Jahren eine mächtige Bewegung für Umweltschutz und Natur? Plötzlich hatten aussterbende Hausrinderrassen eine Stimme im Bundestag. Über die Ursachen kann man lange reden, in diesem Zusammenhang aber ist vor allem eine Tatsache wichtig: Der DGB war gegen die Wiederbewaffnung, der DGB war gegen die APO, der DGB war gegen die Grünen. Der DGB war im Grunde immer gegen alles Neue. Es hat sich aber trotzdem meistens durchgesetzt. Also soll man heute nicht so tun, als könne man gesellschaftliche Veränderungen nicht gegen die Gewerkschaften durchsetzen. Sie sind nicht so mächtig, wie ihre Feinde behaupten.

Im Moment stehen die Gewerkschaften mit dem Rücken zur Wand. Die öffentliche Meinung ist gegen sie, die Mitglieder laufen ihnen davon, ihre Macht zerbröckelt. Manche ihrer Gegner würden sie gerne aus der Welt schaffen. Aber überflüssig sind die Gewerkschaften nicht. Will man wirklich, dass die Arbeitgeber ganz alleine über Gehälter und Arbeitsbedingungen entscheiden?

Was aber die notwendigen Reformen angeht, Entbürokratisierung und Dynamisierung und all das, richtet man sich besser auf einen Kampf ein. Es wird nicht reichen, sich mit ein paar Flaschen Whisky eine Nacht lang zusammenzusetzen. Es ist eine langfristige Sache, und es ist ein gesellschaftlicher Konflikt. Beides mag man in Deutschland nicht besonders. Es ist heute kein Vorteil mehr, konfliktscheu zu sein.

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