Kultur : Bruno Preisendörfer über den Mangel an bösen Büchern

Im großen Schrank des Literaturbetriebs stecken viele Schubladen: Da gibt es zum Beispiel den Eventroman für die junge Generation, der "mitten im Musikmilieu der Fun-Kultur spielt" oder wieder mal ganz cool durch die Techno-Szene führt mit Liebe, Di-tscheis und kleinen Strassbröckelchen im Nabelschatten junger Mädchenblüte. Diese Art literarischer Stangenware ist natürlich immer furchtbar provokant und wird mit einschläfernder Zuverlässigkeit mit dem Vertriebsleiterstempel "Kultbuch" versehen. Ganz in der Nähe dieser Schublade kann man eine herausziehen, in der Bücher liegen, die mit "detailgenauer Sprache vom Alltag unseres modernen Lebens erzählen", wiederum "auf überraschend provokante Weise" versteht sich, denn der Konformismus der Provokation gehört bei bestimmten Textsorten eben zur Serienausstattung. Eine ganz andere Schublade beherbergt dicke Dinger, in denen "mit farbenprächtiger Fabulierkunst die Geschichte dreier Generationen nachgezeichnet" wird. Da geht es dann opulent zu, mit viel sprachlichem Fettgewebe. Diese Romane sind im Literarischen das, was das Eisbein im Kulinarischen ist. Man muß es halt mögen. Ich will jetzt nicht die ganze Gegenwartsbücherei typologisch durchmustern. Eine Schublade ziehe ich aber noch auf: Auf dem Etikett steht "das böse Buch", und die Lade ist leer.

Aber womöglich werden am Wochenende in der Literaturwerkstatt Texte gefunden, die in dieses Kästchen passen würden. An den beiden Tagen findet ab 12 Uhr der 7. open mike Wettbewerb statt. Aus rund 700 Einsendungen hat eine Lektorenjury 24 ausgewählt. Die Verfasser dieser Texte werden jeweils für 15 Minuten Gelegenheit haben, das Publikum und eine dreiköpfige Autorenjury zu begeistern. Diese Jury besteht aus Arnold Stadler (dem diesjährigen Büchnerpreisträger), Kathrin Schmidt und Birgit Vanderbeke.

In den letzten Jahrzehnten ist es immer wieder vorgekommen, daß Leute von West nach Ost gezogen sind. Und zwar nicht nur emeritierte Terroristen und so, sondern auch harmlose Düsseldorfer, wie beispielsweise Adolf Endler; aber das war schon, bevor die Mauer gebaut wurde. Luise Endlich wiederum gehörte zu den Leuten, die nach der Wiedervereinigung ins "Beitrittsgebiet" gingen. Über ihre Erlebnisse hat sie unter dem Titel "NeuLand" lauter "ganz einfache Geschichten" geschrieben, aus denen sie am Samstag um 18 Uhr im Kulturkaufhaus Dussmann liest.

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