Kultur : Bruno Preisendörfer über die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Wir werden geboren, wir leben, dann sterben wir. So einfach ist das. Nicht mehr. Die Natur als "Instanz" hängt ganz von der Interpretation durch den Menschen ab. Und der kennt sich mit sich selbst kaum noch aus. Eben das ist der Kern des Streites um Sloterdijk, nicht das Philosophengezänk mit seinem zirkushaften Wichtigtun. Zur Quoten-Kultur des feuilletonistischen Debattismus gehört nun mal das Lancieren von Denkskandalen, ein unvermeidliches Symptom zwangsneurotischer Aufmerksamkeitsbeschaffung am Markt. Soll man dem Publikum vielleicht erzählen, dass ein lebender Philosoph (PS) in einem Vortrag über einen toten Philosophen (MH) sich nicht nur über einen anderen toten Philosophen (FN), sondern auch über das Problem der PID (werisndas?) geäußert hat? Nee, so geht das nicht, nicht genug Kontroversenpotential. PID, viel weniger berühmt als Peter Sloterdijk, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche, heißt "Präimplantationsdiagnostik". Das ist nicht horribel genug. "Optionale Zuchtwahl" macht sich da schon besser, weil es so vielversprechend schlechter klingt. Ein so geworfener Schneeball donnert als Lawine ins Tal, meinungsstark und kenntnisschwach, bestes Feuilleton eben. Das Zukunftsrisiko besteht aber weder in der Wiederkehr nationalsozialistischer Eugenik noch in einer Humandolly noch in einem Biototalitarismus im Huxley-Format noch in einer Erziehungsdiktatur philosophischer Menschenparkwächter à la Sloterdijk. Die Risiken der Biotechnik liegen vielmehr in der restlosen Durchkapitalisierung auf der Angebots- und der entsprechenden konsumistischen Orientierung auf der Nachfrageseite des Marktes: Marktvermittelte Selektion der Eigenschaften, die sich der Konsument der eigenen Fortpflanzung bei den Nachkommen wünscht. Das ist der alltägliche Biologismus der Zukunft. Die aber steht nicht etwa "vor der Tür", sondern schon mitten im Raum. Und dieser Raum ist der Mutterleib, der der "Natur abgerungen" wird wie einst "unzivilisiertes" Land. Der Kolumbus dieser technischen Eroberungsgeschichte heißt übrigens Ultraschall. Das Ei freilich blieb den Genetikern überlassen. Sie halten es schon in der Hand.

Die Juden, die "Zigeuner", die Slawen, die "Neger": Das war der Kanon des "Untermenschentums" im nationalsozialistischen Selektions- und Selbstzüchtungswahn. Man kann sich kaum vorstellen, dass in dieser Zeit Leute mit dunkler Hautfarbe in den Straßen deutscher Städte herumgelaufen sind. Und doch gab es Lebensläufe wie diesen: Geboren 1926 in Hamburg als Sohn eines Liberianers und einer Deutschen, Kindheit und Jugend im "Dritten Reich", 1948 Auswanderung. Später Chefredakteur der afroamerikanischen Zeitschrift "Ebony". Name: Hans J. Massaquoi. "Neger, Neger, Schornsteinfeger!" heißt das Buch, in dem er von seiner Kindheit in Deutschland erzählt, und das er am Dienstag um 19 Uhr 30 im Museum für Völkerkunde vorstellt.

Rüdiger Safranski - ich weiß, ich weiß, er hat in der Sloterdijk-Debatte auch einen Stein in den Teich geworfen, aber darauf will ich gar nicht hinaus. Also, er schreibt: "Meßkirch ist eine Kleinstadt, zwischen Bodensee, Schwäbischer Alb und oberer Donau gelegen." Und da ist Heidegger geboren. Ja doch, aber ja, Sloterdijk hat geheideggert. Aber darauf will ich schon wieder nicht hinaus. Sondern auf Arnold Stadler. Geboren 1954. In Meßkirch. Dichter, Romancier, Büchner-Preis Träger 1999. Erfinder des "Hinreißenden Schrotthändlers". Aus dem liest er heute um 20 Uhr im Literarischen Colloquium.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben