Buchkritik : Das Herz in der Faust

Von Dakota nach Mexiko: Autor Wolfgang Büscher ist zu Fuß durch Amerika gewandert und hat dabei hilfsbereite, robuste und religiöse Menschen getroffen. In seinem Buch "Hartland" beschreibt er seine Erlebnisse.

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Hauptsache patriotisch. Straßenszene in South-Dakota, einem der von Büscher erlaufenen US-Staaten. Foto: mauritius
Hauptsache patriotisch. Straßenszene in South-Dakota, einem der von Büscher erlaufenen US-Staaten. Foto: mauritiusFoto: Alfred Buellesbach / VISUM

Der Mann ist gewarnt worden. Zu Fuß durch Amerika, das geht überhaupt nicht! Das ist schon rein technisch ein Ding der Unmöglichkeit, in einem Land mit kompliziert verlaufenden, über- und untereinanderliegenden Autobahnen, undurchdringlichen Straßenkreuzungslabyrinthen, unzureichenden Wanderwegen. Aber auch sonst: In Amerika geht einfach niemand zu Fuß, nicht auf dem Land, nicht in den Städten, nirgendwo. Wer es trotzdem macht, kann nur ein Freak, ein Outlaw oder ein Wahnsinniger sein.

Wolfgang Büscher, Reiseschriftsteller sowie Autor und Reporter beim „Zeit“- Magazin, hat alle Warnungen in den Wind geschlagen. Er ist Überzeugungstäter und Deutschlands vielleicht klügster Wanderkönig. Gerade mit den Büchern, die von seinen Deutschlandwanderungen erzählen, „Deutschland, eine Reise“, „Drei Stunden Null“ und auch „Berlin – Moskau“, hat er ein Land entdeckt, das sich nach dem Fall der Mauer ganz neu erfinden musste, dessen Gegenwart einer anderen, die Geschichte miteinbeziehenden Erzählung bedurfte. Und den besten Blick auf ein Land erhält, die schlüssigsten Erfahrungen macht, so Büschers Überzeugung, wer so langsam wie möglich unterwegs ist, also zu Fuß. Weshalb er nun auch vor seinem Amerika-Trip den Ratschlägern und Unkenrufern geantwortet hat: „Ich weiß nicht, ich gehe lieber“, wohlwissend und damit kokettierend, „der Amerikadepp“ zu sein.

Weitere Erklärungen, warum ausgerechnet Amerika, gibt Büscher in seinem Buch „Hartland. Zu Fuß durch Amerika“ nicht. Das erleichtert ihm die Reise. Wer nicht sucht, findet unterwegs mehr. Klar wird jedoch schnell, dass das Ganze eine Entdeckungsreise gewissermaßen gegen die Geschichte Amerikas sein soll, dass Büscher die Hot Spots europäischer Reisender (New York, Kalifornien, Route 66, Florida) meidet: Er wandert nicht von Ost nach West, wie es auch dem Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten eingeschrieben ist, sondern von Nord nach Süd. Büscher schneidet bewusst die „frontier“ der Siedler und Glücksjäger gen Westen und läuft von North-Dakota über South-Dakota, Nebraska, Kansas, Oklahoma bis nach Texas und zum Rio Grande.

Allein diese Route hat ihren Reiz – und wie Büscher von seinen Wanderungen und Begegnungen erzählt. Er ist zum Staunen fähig, er beschreibt als Reporter unbefangen das Erlebte. Einen Hang zum Pathos aber hat er auch, zur Literarisierung, zur gekonnten Stilisierung von Dialogen. Aus dem Herzland macht Büscher das „Hartland“, wie ein von ihm besuchter, von Deutschen begründeter, inzwischen lange aufgegebener Ort in North-Dakota heißt. Hier die Mitte des Landes – dort die Härte, der Schmerz, die schwierige Besiedlung Amerikas, die einherging mit der Ausrottung der Indianer. Heartland und Hartland, sie sind für den Autor „die beiden Enden der amerikanischen Parabel“.

Und wohl auch seine eigenen zwei Enden. Denn leicht hat er es nicht auf seinen Wanderungen. Tatsächlich befindet er sich meist mit einem Bein im Straßenverkehr und dem anderen in Vorgärten und Einfahrten. Die vielen billigen Motels und Diners sind gewöhnungsbedürftig. Und nicht zuletzt spielt ihm das Wetter oft übel mit: Schnee und Regen in den Prärien Dakotas, Sonne und Wind in den Sturmstaaten Kansas, Oklahoma und Osttexas. Allerdings begegnet Büscher vielen Menschen, die ihn in ihren Autos mitnehmen, die ihm Nachtasyl gewähren – und die ihm ihre Lebensgeschichte erzählen und ihre höchsteigenen Amerikalieder singen, Mechaniker, religiöse Eiferer, robuste Witwen, Trailerparkbewohner. Sie sind offen und hilfsbereit, und Wolfgang Büscher, auch das eine Qualität seines Buches, vermeidet jedes Urteil bezüglich ihrer Weltbilder.

Zwei aktuelle Topoi ziehen sich bei allem Verzicht auf gesellschaftspolitische Analysen trotzdem wie ein roter Faden durch „Hartland“. In vielen Orten registriert Büscher Schilder, auf denen zur solidarischen Unterstützung der US-Soldaten im Irak und in Afghanistan aufgerufen wird. Zum anderen erzählen ihm viele Menschen, mit wie viel Sorge sie die Innenpolitik der Regierung verfolgen, wobei der Name Barack Obama in „Hartland“ kein einziges Mal fällt. Ein Friseur in dem College-Städtchen Manhattan/Kansas erklärt dem Reisenden: „Washington gibt zu viel Geld für die Wohlfahrt aus, Geld, das sie uns, den kleinen Leuten nehmen. Für die Reichen ist das alles kein Problem, aber wenn wir mehr Steuern zahlen müssen, trifft das den Lebensnerv Amerikas.“

Natürlich ist Büscher auch Tourist. Er geht in Dallas auf der Straße, auf der Kennedy erschossen wurde, besucht in Austin Rock’n’-Roll-Kneipen, will in Waco dem Davidianer-Sektenwahnsinn auf die Spur kommen. Am Ende, da er wie ein Unberührbarer durchs Land marschiert ist, da er jenseits der US-Grenze im mexikanischen Matamaros von einem Mann einen Kolibri in die Hand gedrückt und verkauft bekommt, fragt er: „Das Herz in meiner Faust raste, die Frage in meinem Kopf pochte: Wohin? Wozu?“

Eine Antwort hat er nicht; sie besteht aus einem Buch, das das uns vermeintlich wohl bekannte Amerika aus anderer, ungewohnter Perspektive zeigt – und trotzdem nahe rückt. Büschers Eigensinnigkeit, seiner Wanderobsession sei Dank.

Wolfgang Büscher: Hartland. Zu Fuß durch Amerika. Rowohlt Berlin, Berlin 2011. 300 Seiten, 19,95 €.

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