Buchvorstellung : Tucholsky? Geht gar nicht

Der Historiker Siegfried Lokatis beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Zensur in verschiedenen politischen Systemen. Gestern stellte er im Berliner Brechthaus sein Buch "Zensurspiele" vor.

Kerstin Decker

Karl Kraus besaß eine sehr klare Meinung über die Bedeutung der Zensur: „Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten.“ Einst gedachte der Ostberliner Eulenspiegel-Verlag dieses schöne Wort in seinen Band „Das Tier lacht nicht“ aufzunehmen, aber er hatte nicht an Carola Gärtner-Scholle gedacht, die DDR-Oberzensorin. Sie befand, dass Kraus umgehend zu streichen sei, und zwar wegen Inaktualität, denn: Der Autor „hatte es mit einem Zensor zu tun, den unsere Leser nicht mehr zu fürchten brauchen“.

Seit 20 Jahren der Zensur auf der Spur

Seit nun fast zwanzig Jahren beschäftigt sich der (West-)Historiker Siegfried Lokatis mit der Bücher-Geschichte der DDR. Er hatte vorher über die Zensur im „Dritten Reich“ gearbeitet und sollte nach 1990 beide Zensuren vergleichen. Mit einem Gesicht wie ein Misstrauensantrag empfing ihn die (Ost-)Germanistin Simone Barck, seine künftige Mitarbeiterin. Gemeinsam vergruben sie sich in die Akten, Barck fing immer bei A an, Lokatis bei Z, schon um der Illusion willen, die Sache fest im Griff zu haben. Sie sichteten die Archive der DDR-Verlage, des „Instituts für Marxismus-Leninismus“ sowie der „Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel“. Das war die eigentliche Zensurbehörde, die aber schon deshalb nicht so hieß, weil es laut Verfassung in der DDR gar keine Zensur gab.

Zensurforscher Siegfried Lokatis sitzt nun ohne seine langjährige Mitarbeiterin im Berliner Brechthaus, um das gemeinsame Buch „Zensurspiele“ vorzustellen (Mitteldeutscher Verlag, 288 S., 20 €). Es will nicht weniger als „heimliche Literaturgeschichte(n)“ der DDR erzählen. Simone Barck ist im letzten Jahr gestorben.

"Untragbarer Pazifismus"

So liest ihre Tochter die Geschichte von Brechts Versuch, seine „Kriegsfibel“ zu veröffentlichen: Pressefotos, seit 1940 gesammelt und mit Vierzeilern kommentiert. Der „Kulturelle Beirat“, Vorläufer der Hauptverwaltung, befand 1950 auf „untragbaren Pazifismus“, Otto Grotewohl war entsetzt. Als Brecht fünf Jahre später erfuhr, dass man sein Buch nun beim ZK prüfte, sagte er etwas von „weltbekannter Autor“ und „Nicht-nötig-Haben“. Die DDR gab nach und sich damit zufrieden, den Vertrieb des größten Teils der Auflage zu verhindern.

Oder Tucholsky: ohne Zensurarbeit, meinte der DDR-Zensor, gar nicht zu veröffentlichen. Und wenn Tucholsky noch lebte, hätte er das bestimmt gleich selbst gemacht. Stefan Heym hatte schon längst eine Selbst-„Zensur des Herzens“ vorgeschlagen und schrieb im Übrigen ganze Bücher über das Zensurwesen - etwa den „König David Bericht“ über die Schwierigkeiten des altjüdischen Autorenkollektivs bei der Redaktion des Alten Testaments. Dass Heym eigentlich die Heilige Schrift der SED vor Augen hatte, die achtbändige „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ von 1966, war deutlich, nicht bloß, weil König Salomo sächselte wie Walter Ulbricht. Das Buch konnte nur auf ausdrückliche Empfehlung seines Nachfolgers, des nicht sächselnden Erich Honecker, erscheinen.

Zensur zerstört Menschenleben

Nun konnte man sich natürlich andere Sujets wählen, aber half das? Dem Sachbilderbuch „Tatü, tata“ wurde die Druckgenehmigung verweigert, weil einem Roller die Klingel fehlte. Und im Bilderbuch „Hosenmatz, erzähl mir was“ war ein Teddy zu hässlich. Landkarten und Wörterbücher waren kaum weniger schwierig. Jedem ist bald klar, dass es sich bei der DDR-Zensur nicht um ein starres System handelte, sondern um ein ständiges Kräftemessen.

Den Moderator Harald Jähner erfüllt es fast mit Wehmut, wie wichtig man das Wort „Zensur“ einmal nahm. Nur lässt sich darüber leicht vergessen, dass nur ein Land, das die Existenz von Erwachsenen grundsätzlich nicht vorsieht, solche Instrumente brauchte, über deren strukturelle Infantilität sich heute so gut lachen lässt. Dabei konnten sie Menschenleben zerstören wie das von Werner Bräunig, dessen Roman „Rummelplatz“ unlängst – dreißig Jahre nach seinem Tod – zum Bestseller wurde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben