Kultur : Bücher für Besessene - In der Berliner Galerie Springer & Winckler

Katrin Bettina Müller

Nichts ist so ganz das, was es scheinen will. In der Welt von Gerhard Winkler treffen das Banale und die Geste der Erhöhung aufeinander, das Inventar des Alltags und das Repertoire der Kunstgeschichte. Skulptur und Zimmerpflanze tauschen ihren Platz, Kunst wird privat, und das Öffentliche schnurrt zusammen auf Buchtitel im Bücherregal. Kolorierte Fotografie verwirrt mit dem Schein des Gemalten, und Neues wirkt wie ein altes Erinnerungsstück.

Ein kleines Stillleben zum Beispiel, "Fruchtkorb" (1600 Mark): Unter Äpfeln und Apfelsinen liegen Medikamentenschachteln, die sich in der Skala der "natürlichen" Lebensmittel weit entfernt vom Obst befinden. "Gesund leben, täglich Obst essen" und die Vergeblichkeit dieses Vorsatzes sind in das Bild gepackt. Zu der Geschichte des Stilllebens gehört die Mahnung an die Vergänglichkeit: In der Arzneimittelschachtel erfährt dieses Motiv eine Erneuerung, die in ihrer Trivialität bestürzt, weil man sich so sehr daran gewöhnt hat. Die kleine, ehemals schwarzweiße Fotografie ist koloriert. Als Winkler Anfang der neunziger Jahre mit dieser Technik begann, übermalte er seine Bilder noch per Hand. Inzwischen werden sie mit dem Computer bearbeitet. Der Effekt des Nostalgischen, die Anmutung aus den Kindertagen der Fotografie ist geblieben. Die Spirale der Verfälschungen hat sich noch etwas weiter gedreht, indem der Computer das Malerische übernimmt.

Als Hauptwerke des aus Frankfurt stammenden Künstlers zeigt die Galerie Springer & Winkler seine "Bibliotheken". In der "Bibliothek I", zusammengesetzt aus 27 gerahmten Fotografien, bilden Porträts von Menschen aus drei Generationen die Basis. Über ihnen findet man Bilder von Regalbrettern mit Blumentöpfen, eine Glühbirne und jede Menge Lesestoff. So gleicht die Anordnung einer privaten Wohnzimmerwand. Die Buchtitel aber haben es in sich. Das fängt ganz harmlos an: "Jahrbuch der Wolken". Wunderschön gestaltet ist das Cover der "Grande cuisine des meduses" - aber glaubt man wirklich an ein Quallenkochbuch? Entspringt ein Titel wie "Das Ende der Literatur / Aufbruch in das piktographische Zeitalter" nicht dem Wunschtraum eines bildenden Künstlers? Klingt "vom sehen und doch nicht verstehen" nicht wie der Stossseufzer eines Malers über das visuelle Analphabetentum des Publikums?

Winklers Titel sind rhetorisch überzeugend in ihrer Kombination von Bild und Schrift, und doch unglaublich. Inspirationsquelle der imaginierten Bibliothek waren die Bildungsprogramme des Radios. Winkler, ein passionierter Hörer von Lesungen und Buchkritiken, die sich im Fotolabor, bei Autofahrten und im Atelier zwischen die eigenen Gedanken fädeln, trifft einen Nerv des Zeitgeist. Manche der Bücher, für die er das Cover erfunden hat, würde man gerne aufblättern: Zum Beispiel "tales and sites of the future past", das mit dem Bild einer stillgelegten Großbaustelle wirbt.

Noch ist keines dieser Bücher geschrieben. Herausgewachsen aus den mehrteiligen Fotoarbeiten sind dagegen die Zimmerpflanzen. "Zimmerpflanze Nr. 5" greift mit stachligen Tentakeln über den Topfrand, "Nr. 6" öffnet einen gierigen Schlund. Aus Holz und Metall geformt und mit Wachs überzogen, gleichen sie präparierten Abnormitäten aus dem Naturalienkabinett, eine "Natura morte" im doppelten Wortsinn. Es sind sehr dramatische Pflanzen, die das Raumklima weniger in eine freundliche grüne Atmosphäre verwandeln, als vielmehr ein bisschen Horror verbreiten. Natur und Kunst, auf nichts mehr ist Verlass.Galerie Springer & Winckler, Fasanenstr. 13, bis 8. April; Dienstag bis Freitag 10-13 Uhr, 14.30-19 Uhr, Sonnabend 11-15 Uhr.

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