Bühne : Karl May: Siehe da, ein Dichter

Der große Erfolg seiner Bücher wurde ihm stets vorgehalten. Phänomen Karl May: Die Schlossfestspiele Ludwigsburg retten eine Seele.

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Indianer in Tarnkleidung. Thomas Thieme als Karl May in Thomas Schadts Inszenierung.
Indianer in Tarnkleidung. Thomas Thieme als Karl May in Thomas Schadts Inszenierung.Foto: Reiner Pfisterer

Mit Karl May ist es eine eigenartige Sache. Jeder kennt ihn, und er ist doch ein Unbekannter geblieben – der Mann, der im Westen Old Shatterhand und im Orient Kara Ben Nemsi war, der bald acht Jahr hinter Gittern saß und in der Zuchthauszelle weite Welten erfand. Es sind aber auch komplizierte Familienverhältnisse: Im Shatterhand-Wams reitet er als Winnetous Blutsbruder über die Prärie, während er gleichzeitig der geistige Vater des Apatschenhäuptlings ist. So geht es zu, wenn einer seine dürre Realität vollständig durch Fiktion ersetzt.

Siehe da, ein Dichter. Er war nie in Amerika, er war nie in Arabien, jedenfalls nicht vor 1899. Erst der alte Karl May, krank und erschöpft von seiner titanischen Schriftstellerleistung, geht eines Tages doch noch auf Reisen; da aber hatte er seine Bücher längst geschrieben und mit seinen Kolonien der Fantasie ein Massenpublikum erobert. Zu den vergessenen, verdrängten Seiten seiner Persönlichkeit und seines Riesenwerks gehört sein pazifistisches Engagement, seine Vision von einem spirituell geeinten Planeten, auf dem es keine Menschen zweiter Klasse gibt. Karl May – auch das ist kaum bekannt – stellte sich gegen den militaristisch-nationalistischen Zeitgeist der wilhelminischen Epoche. Dabei hat er die Mythologie der Deutschen nachhaltig geprägt, stärker noch als Richard Wagner.

Mit den „verkannten Genies“ soll man sparsam umgehen, wie überhaupt mit allen Labels und Schubladen, Karl May hat sehr darunter gelitten. Als netter Onkel aus Radebeul, als Autor von Jugend- und Abenteuerromane ist Karl May weit unter Wert verkauft. Im März 2012 jährt sich sein Todestag zum 100. Mal. Mag er auch ein wenig aus der Mode gekommen sein, er war nie fort. Die Gesamtauflage seiner Bände beläuft sich weltweit auf schätzungsweise 200 Millionen Exemplare, in 40 Sprachen. Kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller ist in solche Harry-Potter-Dimensionen vorgedrungen. Und dennoch und deswegen blieb ihm die Anerkennung als Poet, als Visionär versagt. Der Kanon der vollgültigen Literatur, was immer das sei, schließt den Underdog Karl May aus. Ein bitteres Unrecht, eine beispielhafte Arroganz gegenüber der populären Kultur.

Versuche einer Ehrenrettung hat es immer mal wieder gegeben, Karl May gründelt unerlöst im kollektiven Unterbewusstsein, im Kinderland der Seele. Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen unternehmen der Regisseur Thomas Schadt und der Schauspieler Thomas Thieme einen neuen Anlauf, den Schmied der Silberbüchse und des Bärentöters als Künstler zu begreifen. „Ich erfand Karl May“, so nennen sie ihr Psychogramm, und der Ansatz ist richtig: Karl May hat, ehe er sein literarisches Weltreich schuf, sich selbst erfunden, herausgezogen aus bitterarmen Familienverhältnissen in einer kleinen Stadt am Rand des Erzgebirges.

Auch der Schauplatz der kleinen Karl-May-Verschwörung und -Beschwörung passt. Das Schlosstheater Ludwigsburg, entstanden 1758, gehört zu den ältesten seiner Art in deutschen Landen, ein wahres Kleinod. Eng bemessen und ungeheuer hoch, hier kann sich die Imagination aufschwingen. Der massige Thomas Thieme – er hat in einem Film von Thomas Schadt Helmut Kohl verkörpert, den „Mann aus der Pfalz“ – ist offensichtlich gegen den Typ besetzt. Karl May war eher zart, von mittlerem Wuchs.

Aber wie weich und leise Thieme aus der Kindheit des Dichters erzählt! Von der Großmutter und ihrem Märchenschatz ist die Rede, von der harten Erziehung, der kriminellen Karriere, in die der junge Karl hineinrutscht, halb aus Kränkung wegen erlittenem Unrechts, halb aus Geltungssucht – das Künstlerwerden ist ein Akt der Befreiung. Thieme sitzt am Tisch mit Bergen von Papier, ein Hinweis auf die Fronarbeit des Schriftstellers im Kolportage- Heftchen-Verlag. Schwarz gekleidet wie ein Priester, darunter die Indianerkluft, kämpft dieser Mann mit seinen Dämonen, gespielt von Studenten der Akademie für Darstellende Kunst Ludwigsburg.

Man erlebt einen Getriebenen, von Neidern und Kleingeistern Verfolgten, einen gefesselten Schreibtischriesen. In seinen späten Jahren geriet Karl May in eine gewaltige Prozessmühle, wurde wegen Betrügerei verklagt und wehrte sich mit Gegenklagen, aus dieser Zeit stammen die autobiografischen Schriften, die Schadts Text zugrunde liegen. Karl May siegt auch in diesen Schlachten, ein ausgepowerter Titan ist er am Ende. In Ludwigsburg wird er – allzu leicht – in die ewigen Jagdgründe entlassen, mit Musik aus den Winnetou-Filmen und einer Parodie à la „Schuh des Manitu“. Eine klare Botschaft: Im Herzen sind wir alle Indianer.

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