Bühne : Rübenrauschen und Flaschengeister

Bühne im Blick: Theaterbücher von und mit Gerhard Stadelmaier, Peter Iden und Peter Hacks.

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Im Schnee verweht. Bernhard Minetti 1976 im Finale der Stuttgarter Uraufführung von Thomas Bernhards „Minetti“: aus dem wunderbaren Katalogband der „Bildreportagen und Theaterfotografien 1935 - 1996“ von Abisag Tüllmann (Hatje Cantz Verlag, 29, 80 €). Im Juni 2011 wird Tüllmanns Frankfurter Retrospektive auch im Berliner Fotomuseum gezeigt.
Im Schnee verweht. Bernhard Minetti 1976 im Finale der Stuttgarter Uraufführung von Thomas Bernhards „Minetti“: aus dem...

Er ist der Tänzer und auch der Bolzer der deutschen Theaterkritik, in Hass und Liebe zum Theater (und zu sich selbst) oft überschwänglich elegant, mitunter auch manieriert und ein bisschen manisch. Aber für den FAZ-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier ist sein Beruf eben noch Berufung, und das Theater ist ihm die herrlichste oder fürchterlichste Hauptsache der Welt. Das macht ihn rar – auf einer heute ziemlich abgebrühten, häufig schon abgewrackten Szene.

Jetzt hat er ein Buch vorgelegt, das heißt, kokett nach seinem bevorzugten Sitzplatz benannt, „Parkett, Reihe 6, Mitte“. So schlank, so hübsch bescheiden und eitel zugleich. Doch der Untertitel klingt bombastisch: „Meine Theatergeschichte“. Worauf der Verlag auf dem hinteren Cover sogar „Die große Theatergeschichte der Jahrtausendwende“ verheißt, „erzählt von ihrem berühmtesten Theaterkritiker“. Kurt Tucholsky pflegte in solchen Fällen zu fragen: Hätten Sie’s nicht auch ’ne Nummer kleiner?

Tatsächlich ist das Buch nur eine Auswahl von Kritiken und Glossen, die der Autor, ein Schwabe, in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten für die „Stuttgarter Zeitung“ und dann für die „Frankfurter Allgemeine“ geschrieben hat. Abgesehen von einer anregenden Einleitung, die man als Credo des Kritikers G. St. und als kritische Betrachtung manch anderer Kritiker lesen kann, gibt es keine eigens für diese „Theatergeschichte“ verfassten Texte. Was über die aufgesammelte und hier nachgedruckte Tageskritik hinausreicht, sind nur ein paar längere Wochenendbeilage-Artikel, beispielsweise über die nicht ganz unbekannte Nachwirkung des unsterblichen Anton Tschechow.

Wo aber erfährt der Nachdruck seinen eigenen, urstadelmaierischen Nachdruck? Wohl in der Feier von Witz, Wehmut und Grazie in Aufführungen von Peter Zadek oder Luc Bondy, die neben George Tabori, Andrea Breth und Peter Stein zu Stadelmaiers erklärten Favoriten zählen. Andererseits machen diese – zu Recht unverhohlenen – Vorlieben die Kritiken nicht unbedingt überraschender. Auch verkennt Stadelmaier, apropos Tschechow, wohl einzig aus einem Vorurteil heraus die sonst unübersehbare Exzellenz der letzten Berliner Inszenierungen von Jürgen Gosch („Onkel Wanja“, „Die Möwe“). Das verwundert, zumal Gosch in der Vergegenwärtigung der alten Texte noch einmal eine ungeahnte, geradezu zadekhafte Neugier für Figuren, Abgründe und Hintergründe in Tschechows Menschenkennerkomödien wachgerufen hat.

Eigentlich wäre das Stadelmaiers Terrain. Nicht sein Terrain ist Frank Castorf und war nicht Heiner Müller. Über dessen letzte Inszenierung, den „Arturo Ui“ von Brecht am Berliner Ensemble, kalauert G. St.: „Wer hechelt so früh durch Schau und Spiel? Es ist der Herr Hitler mit viel Gefühl.“ Kurz darauf findet er den Ui- alias Hitler-Darsteller Martin Wuttke freilich „großartig“, und Stadelmaier kann Schauspieler immer wieder glänzend beschreiben: „der brillante, schartige Jung-Hysteriker ...“ (über den nämlichen Wuttke).

Kein Blick dagegen für die ganz andere, höchst besondere Intelligenz etwa eines Theaters wie das der Gruppe Rimini-Protokoll. Stattdessen sieht und hört der Theater(hass)liebhaber umso genauer hin, wenn Christoph Marthaler zu seinen wundersam tranig trancehaften Zeitlupenschwänken ruft. Und als unterhaltsamer Kritiker eines nur Castorf-epigonal dahingesampelten, dahingesimpelten „Rüberauschtheaters“ (alles, was einem Regisseur „so durch die Rübe rauscht“), ist Stadelmaier unersetzlich. Und wäre es hier noch mehr, wenn das Buch ein vernünftiges Inhaltsverzeichnis hätte.

Auch Peter Iden, als langjähriger Theaterkritiker der „Frankfurter Rundschau“ oft Stadelmaiers Konkurrent und Kontrapunkt, hat so etwas wie eine Summe seinerArbeiten vorgelegt. Aber Idens Buch „Der verbrannte Schmetterling“ sammelt nicht einfach nur verstreute (und vergessene) Kritiken aus vergangenen Tagen. Iden konterkariert mit seiner Unterzeile „Wege des Theaters in die Wirklichkeit“ auch den scheinbar sehr poetischen Haupttitel. Dieser „Schmetterling“ rührt nämlich her aus einer hochpolitischen Inszenierung: 1965 zeigte der junge Peter Brook im Londoner Aldwych Theatre seine Anti-Vietnamkriegsschau „US“ (wie USA und „us“ = wir) – und in der Premiere verbrannte ein Schauspieler einen lebenden Falter.

Es war das ein in die Wirklichkeit übergreifender symbolisch-realer Akt, der an die Napalm-Feuer in Vietnam erinnern sollte. Iden hatte die Aufführung gesehen und schlägt mit ihr seine Grundfrage an: wo und ob das allmählich aus dem Zentrum der bürgerlich-kulturellen Öffentlichkeit geratene Schauspiel noch die Wirklichkeit seines Publikums trifft. Wo Theater noch brisant und präsent wirkt. Iden beginnt, nach der Brook-Einleitung, mit einem Nachruf auf den politischen Theatermacher Erwin Piscator aus dem Jahr 1966 (er selber war kurze Zeit Piscators Assistent). Und er endet wiederum mit einem Nachruf – 2008 auf den durch alle Höhen und Abgründe von Kunst, Politik und höchster, hölderlinscher Poesie gewanderten Regisseur Klaus Michael Grüber. Das ist die Spanne und macht die Spannung aus bei einem Buch, das über ein halbes Jahrhundert und alle eigenen Vorlieben, Irrtümer, Hellsichten hinweg mit alten Kritiken und zwischengestreuten neuen Kommentaren tatsächlich ein Stück persönlicher Theatergeschichtsschreibung bedeutet. Viel klingt da auch literarisch an: vom frühen bis zum späten Handke, die Welt Becketts und Bonds, von Botho Strauß und Thomas Bernhard, der Frankfurter Fassbinder-Skandal, bei dem die Wirklichkeit plötzlich Theater und ein Stück Theatergeschichte wurde.

Einen ganz anderen Versuch, Theaterhistorie zu dokumentieren und nachzuzeichnen, bedeutet die von Thomas Keck und Jens Mehrle herausgegebene „Berlinische Dramaturgie“. Es ist ein großes, wenn nicht schon größenwahnsinniges Unterfangen. Zwischen 1972 und 1979 sowie von 1988 bis 1990 leitete der Dramatiker Peter Hacks in der „Sektion Dichtung und Sprachpflege“ der Akademie der Künste der DDR jeweils Arbeitskreise, in denen die Akademiemitglieder über Fragen der dramatischen Produktion und der Theaterästhetik diskutierten. Das alles wurde protokolliert und auf Bändern aufgezeichnet – und nun lässt sich das in fünf Bänden auf fast 2000 Seiten nachlesen.

Das ist manchmal fesselnd, und dieses Wort gilt hier im Wortsinn. Denn es ist – bis zur Wende und bei manchen auch noch danach – eine Reise in den so weiten wie engen und im Nachhinein fantastisch größenwahnsinnigen Geisteskerker einer untergehenden, von den DDR-Intellektuellen jedoch wie selbsttrunken weiter behaupteten Ideologie. Einzig Heiner Müller, später der letzte DDR-Akademie-Präsident, löckt 1972 zu Anfang kurz und skeptisch wider den Stachel.

Vor allem aber ist diese „Berlinische Dramaturgie“ ein Dokument der Arroganz des intelligent verblendeten Starautors und Luxusstalinisten Peter Hacks. Redet man 1976 über den in der DDR verbotenen Samuel Beckett, befindet der Späthegelianer Hacks, das Werk des Iren sei eine „Philosophie“ der „abgedroschenste(n) Ansammlung von Allgemeinplätzen“ und der Dichter Beckett „in diesem Sinne dumm“.

Zwei Jahre später debattiert die Akademie über den „Sozialistischen Realismus heute“. Beteiligt sind unter anderen der zuvor verfemte Philosoph Wolfgang Harich, der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der Shakespeare-Forscher Robert Weimann oder der Autor Helmut Baierl. Und Peter Hacks – der rund 18 Monate nach der Biermann-Ausbürgerung keinerlei Widerspruch erntet für das Diktum: „Die Partei steht bei mir für das Wort Philosophie.“

Zuvor hatte er in derselben Sitzung noch erklärt: „Ich muss nicht beweisen, dass eine Bürokratie ein Verhältnis zu den Künsten schlechterdings nicht haben kann.“ Nur eine gute Stunde später sagt Peter Hacks, der im Theater heute gerade eine Art Renaissance erlebt, über die SED hingegen, dass diese „auch über Fragen des Richtigen in der Kunst befinden sollte, mit aller gebotenen Vorsicht“. Dieser Geist aus der Flasche, er wirkt im Jahr 2010 schon gespenstisch.

Gerhard Stadelmaier: Parkett. Reihe 6, Mitte. Meine Theatergeschichte. Zsolnay Verlag Wien 2010. 446 Seiten, 25, 90 €.

Peter Iden: Der verbrannte Schmetterling. Wege des Theaters in die Wirklichkeit. Europäische Verlagsanstalt Hamburg/Leipzig 2010. 431 Seiten mit Abb., 34 €.

Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen. Hrsg. Thomas Keck und Jens Mehrle. Eulenspiegel Verlag

Berlin 2010. 5 Bände, 1991 Seiten, 126 €.

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