Berliner Theatertreffen : Der Chor und das Herz

Auch auf der Bühne ist der Mensch nicht gern allein: Rückblick auf ein Berliner Theatertreffen der starken Kollektive

Rüdiger Schaper

Zwischendurch gab es auch einmal eine Krise. Der Zauber der ersten Abende mit Schlingensief und Gosch schien verflogen, die Magie dahin. Als Nicolas Stemanns Hamburger „Räuber“-Bande die Bühne des Festspielhauses stürmte, gewann jener routiniert-zynische Ton wieder die Lufthoheit, mit dem sich Regisseure und Schauspieler gern über Stücke und Zeiten hinwegsetzen, in diesem Fall Schiller. Es ist lange Zeit der Grundton des deutschsprachigen Theaterbetriebs gewesen, ein gesättigtes, nach allen Seiten absicherndes Kraftmeiern, wie wir es nur allzu gut kennen. Auch im Wiener „Weibsteufel“, inzeniert von Martin Kusej, begegnete man dieser dramaturgischen Schläue, die am Ende nur ein leeres Gefühl hinterlässt. Und dass dann die drei „Weibsteufel“-Beschwörer (Birgit Minichmayr, Werner Wölbern, Nicholas Ofczarek) mit dem „3sat-Preis“ ausgezeichnet wurden, für eine trotz aller Bühnenbildkraxelei doch schließlich recht konventionelle Aufführung, versteht keiner. Das einzig Innovative dieser Geschichte war, wie die Fernsehleute es nennen, das Format: erstmals eine öffentliche Preisgerichtsverhandlung mit Show(-down)-Charakter. Casting an allen Fronten: Am Sonnabend konnte man nett zwischen dem European Song Contest und den 3-sat-Gladiatoren, zwischen Claus Peymann und Dita von Teese hin- und herzappen.

Es war der Alfred-Kerr-Darstellerpreis, der am Sonntag noch einmal ein Licht auf dieses doch besondere Berliner Theatertreffen warf. Judith Kerr war aus London gekommen und sprach zarte Worte über ihren Vater – der, wie Günther Rühle anmerkte, sich zur Spitze schrieb, als das Theater noch die Königin der Künste war. Und heute? Rühle beklagt die „Zerlegung der Theaterbegriffe“ und damit die Zerlegung des Theaters selbst in eher unheilvolle Einzelteile und Moden. Das zeitgenössische Theater bringe nicht mehr die Themen hervor.

Doch Rühle irrt. Das Theatertreffen hat wieder gezeigt, was Theater ist und was Theater kann. Es hat sich des Menschen angenommen, des größten Themas überhaupt. Und dies war auch zu spüren, als die Kerr-Jurorin Jutta Lampe in ihrer Preisrede auf Kathleen Morgeneyer in Tränen ausbrach. Wer die junge Schauspielerin in Jürgen Goschs „Möwe“ erlebt hat, begreift die Gewalt dieser Rührung, die Jutta Lampe angefasst hat; auch sie über Jahre und Jahrzehnte eine unvergessliche Tschechow-Interpretin. Vielleicht, dass Jutta Lampe in Kathleen Morgeneyer und ihrer Nina etwas wiedergesehen hat, das man lange für verloren hielt – den bedingungslosen Einsatz für das Schauspiel.

Jürgen Goschs Schauspieler, in der „Möwe“ wie in Roland Schimmelpfennigs „Hier und Jetzt“, verkörpern ein unzynisches Verständnis vom Dasein auf der Bühne. Sie wirken erlöst vom Zwang zur Verstellung, zum falschen Spiel. Und man erlebt die Gosch-Menschen auch immer nur als Gruppe. Keiner verlässt den Raum. Als seien sie unsichtbar aneinander gekettet, vom Anfang bis zum Ende. Als solle die Vorstellung niemals enden.

Der Triumph des Kollektivs ist die irritierendste Beobachtung, die man bei diesem bemerkenswerten Theatertreffen machen konnte. Die Gruppe ist stärker als der Solist. Auch Christoph Schlingensiefs „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ baut auf die mehreren und nicht den Einzelnen. Auf den Chor. So ist es in Andreas Kriegenburgs Kafka-Fantasie „Der Prozess“, wo Josef K. nicht einer sein kann, sondern immer ein Gruppenbild. Ein Gruppenbild mit Herren und Damen. So ist es umso mehr in Volker Löschs „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg zum Abschluss des Treffens. Der Chor hat das Sagen, hier Dutzende von Hartz-IV-Empfängern, die mit einem mächtigem Resonanzkörper sozialen Druck erzeugen. So stark und kraftvoll, dass es die professionellen Mitspieler an die Wand der Gummizelle drückt. Löschs Krawall- und Discounter-Theater nervt, und das ihm zugrunde liegende Marat/de-Sade-Stück von Peter Weiss ist nur noch trauriges Leergut. Aber es ist unmöglich, sich der Energie des Laienchores zu entziehen. Und selbst noch in Katie Mitchells Kölner Video-Versuchsanordnung nach dem „Wunschkonzert“ von Franz Xaver Kroetz ist die Gruppe dominant – die Gruppe der Techniker, die der stummen Frau bei ihrem Selbstmord in der einsamen Wohnung zuarbeiten. Man mag es sich nicht ausmalen, aber so könnte es weitergehen, wenn der wütende und wärmende Chor verstummt und jeder und jede wieder auf sich allein zurückgeworfen wird.

So hat manch eine Aufführung mit einer anderen gesprochen in diesem Mai. Eines der schönsten Erlebnisse war der Ausschnitt aus Schimmelpfennigs „Im Reich der Tiere“ zur Verleihung des Berliner Theaterpreises an Jürgen Gosch und Johannes Schütz im Deutschen Theater. Dieses Theatertreffen stand ganz im Zeichen des schwerkranken Gosch, und es hatte im Grunde schon drei Tage vor dem offiziellen Auftakt mit seiner „Idomeneus“-Premiere im Deutschen Theater begonnen, mit einer schier übermenschlichen Ensembleleistung. Eine mit sich selbst ringende Laokoon-Gruppe, ein antiker Fries. Man wird sich lange an diese Tage erinnern, sie trafen ins Herz.

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