Cloud Gate Dance : Wie Pfeile in der Luft

Der Choreograf Lin Hwai-min aus Taiwan wurde mit dem Internationalen Movimentos-Tanzpreis für sein künstlerisches Lebenswerk ausgezeichnet – eine weise Entscheidung der unabhängigen Jury.

Sandra Luzina

Wer phänomenalen Tanz sehen wollte, musste in diesen Tagen nach Wolfsburg, in die Autostadt, pilgern. Der Choreograf Lin Hwai-min aus Taiwan wurde hier soeben mit dem Internationalen Movimentos-Tanzpreis für sein künstlerisches Lebenswerk ausgezeichnet – eine weise Entscheidung der unabhängigen Jury. Der so bescheiden auftretende Meister verbindet auf einzigartige Weise östliche und westliche Ästhetik, Spiritualität und Sinnlichkeit. Seine Werke vermitteln eine andere Auffassung von Zeit, Raum und Energie und gleichen oft tänzerischen Meditationen. Sie öffnen die Augen, zielen sie doch auf das Sichtbare und das Unsichtbare ab – das bewies der Zyklus „White“, der vier Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensperioden versammelt. Zu Mahlers „Adagietto“ aus der Sinfonie Nr. 5 zelebriert er seine Ästhetik der hypnotischen Verlangsamung.

Die Bewegungen sind vom Tai Chi inspiriert – das ist anfangs befremdlich, entwickelt aber bald eine ganz eigene Sogkraft. Der Tanz, das Leben – ein langer, ruhiger Fluss. Wenn sich am Ende das weiße Bodentuch bauscht, wandelt die Solistin Yang I-chun wie auf Wolken. „Adagietto“ von 1984 ist eine Feier des Yin, der weiblichen Energie. Ein Denken in Polaritäten wie dem Yin-Yang-Gegensatz liegt allen Choreografien zugrunde. Ganz in der Schwärze gefangen bleibt das „Requiem“ von 1989, ein Tribut an den Ausdruckstanz. Den Weg aus der Dunkelheit ins Licht, in die gesteigerte Sichtbarkeit beleuchten die Werke „White II“ und „White III“ von 2006, die Lin Hwai-min auf der Höhe seiner Kunst zeigen. Zu Beginn werden die Traversen mit den Scheinwerfern halb hochgefahren, über den Köpfen der Tänzer hängt ein schwarzes Tuch wie eine Gewitterwolke, die die Körper verschattet.

Wie ein Maler setzt Lin Hwai Schwarz-Weiß-Kontraste ein. Bewegungen blitzen sekundenlang auf – Lichtpunkte in einem dunklen Universum. Die Schattenrisse, die sich vor hellem Hintergrund abheben, gleichen geheimnisvollen Körperzeichen. Wenn die Tänzer am Ende auf leerer Bühne, in strahlender Helligkeit ankommen, entlädt sich die Energie in ungemein kraftvollen Bewegungen. Die schnellen Wechsel aus Soli, Duos und Gruppenszenen sind atemberaubend. Die Tänzer fliegen durch die Luft wie Pfeile, sie explodieren in den Raum, um sich dann wieder im Boden zu verwurzeln und zu sammeln. Lin Hwai-min verleiht dem Tanz mehr Härte und Schärfe, eine flackernde Unruhe – „White“ mündet so keineswegs in reiner Erbauung. Doch es ist eine beglückende Erfahrung, den sanfmütigen Tänzer-Kriegern des Cloud Gate Dance Theatre zuzusehen – verstehen sie es doch auf unnachahmliche Weise, Körper und Geist zu koordinieren. Sandra Luzina

„Movimentos“, bis Ende Mai in Wolfsburg. Vom 21.-23.5 zeigt die Inbal Pinto & Avhsalom Pollak Dance Company aus Israel ihr Stück „Shaker“.

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