Klassische Musik : Ulazimir Sinkevich: Mein Cello und ich

Von Minsk nach Berlin: Wie ein junger Musiker von der deutschen Liebe zur Klassik profitiert.

Frederik Hanssen

Anfang April hatte Ulazimir Sinkevich ein blind date in Hamburg. Es ging um sechs Italienerinnen mit wohlklingenden Namen wie Capicchioni, Rugeri oder Montagnana. Der 23-Jährige war nur einer von vielen Bewerbern – doch es gelang ihm, eine der schlankhalsigen Schönen zu erobern. Als er sein Cello in die Arme schloss, wusste er sofort: Es ist der Beginn einer wunderbaren Beziehung! Einer zeitlich begrenzten allerdings – denn die Deutsche Stiftung Musikleben vergibt ihre Instrumente nur für ein Jahr.

Unerklärlich, warum das Violoncello im Deutschen ein Neutrum ist; kein anderes Instrument hat eine menschlichere Form. Und Sinkevich spricht von dem um 1700 in Mailand entstandenen Cello aus der Werkstatt Giovanni Baptista Grancinos so liebevoll, als wäre es seine Lebensgefährtin. Niemals zum Beispiel würde er es auf Reisen mit dem Gepäck aufgeben. „Es ist doch kein Koffer!“, ruft er. Drei Wochen hat die Kennenlernphase gedauert. Tastend die ersten Berührungen, ihr Ton brachte Ulazimirs Seele zum Klingen: „Es ist und bleibt ein Geheimnis, wie es die alten Meister geschafft haben, diesen fantastischen Klang hinzubekommen. Trotz allem technologischen Fortschritts schaffen wir es bis heute nicht, ihn zu kopieren.“

Wichtig ist allerdings, dass die Instrumente kontinuierlich gespielt werden. Deshalb kann man jene Wohlhabenden gar nicht genug loben, die ihre 300 Jahre alten Preziosen der Deutschen Stiftung Musikleben und damit jungen Musikern zur Verfügung stellen. 1962 taten sich Hamburger Kaufleute zusammen, um den Nachwuchs mit hochwertigen Streichinstrumenten auszustatten. Bislang sind 148 Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässe zusammengekommen, darunter fünf Stradivaris. Über 64 Prozent stammen aus Privatbesitz, je ein knappes Fünftel gehören der Bundesrepublik sowie der Stiftung selber. Bewerben kann sich jeder, der seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland hat.

So auch der Weißrusse Ulazimir Sinkevich. Vor zehn Jahren gastierte er mit dem Orchester der Musikhochschule Minsk in Niedersachsen; für seine Gastfamilie in Hannover stand sofort fest: Der Junge muss hier studieren. Tatsächlich wurde er von dem Hannoveraner Professor Tilmann Wick angenommen, fuhr bis 2004 vier Mal im Jahr tausend Kilometer mit der Bahn von Minsk nach Hannover und blieb jeweils einen Monat, bis er seinen weißrussischen Abschluss in der Tasche hatte und das reguläre Cello-Studium in Deutschland aufnahm. 2007 wechselte er nach Berlin, an der Universität der Künste unterrichtet ihn der Philharmoniker Martin Löhr.

Sinkevich, ein schlanker Mann mit dunklen Locken, erzählt begeistert von den reichen Traditionen Weißrusslands vor der Sowjetzeit, und man merkt, wie er darunter leidet, dass sie sich wegen wirtschaftlicher und politischer Probleme nur langsam wieder freilegen lassen. Dennoch will er in Deutschland bleiben, wenn er im Sommer sein Studium abgeschlossen hat: „Ich fühle mich hier frei“, sagt er, und man muss einen Moment innehalten, um sich der Tragweite dieser Worte klar zu werden.

Denn Sinkevich meint nicht nur die Freiheit der Meinung, sondern auch die der Berufsausübung. Weißrussland hat andere Sorgen, als Musiker zu alimentieren, im reichen Deutschland dagegen gibt es so viele unkündbar angestellte, fair bezahlte Instrumentalisten wie nirgendwo sonst in der Welt. Sinkevich beispielsweise kann sich seine Ausbildungszeit selbst finanzieren, weil er beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin eine Stelle als Akademist hat. Mit diesen Teilzeitverträgen geben viele Spitzenensembles dem Nachwuchs die Möglichkeit, zu verdienen und dabei von den Profis zu lernen.

Wie jeder Streicher träumt auch Sinkevich davon, sich ein Instrument leisten zu können wie das Grancino-Cello. Die Preise für gute italienische Celli liegen jedoch bei etwa 200 000 Euro. Jetzt will der 23-Jährige erst einmal an möglichst vielen Wettbewerben teilnehmen, so lange ihm das Instrument zur Verfügung steht. Rein theoretisch könnte diese amore musicale noch sieben Jahre dauern, denn die Stiftung ermutigt die Geförderten, sich bis zur Vollendung des 30. Lebensjahrs immer wieder neu um ihr Instrument zu bewerben. Die Leidenschaft, die Sinkevich in sein Spiel legt, wenn er seine Gefährtin umfangen hält, ist auch eine Form des Danks für solche Großzügigkeit.

Ulazimir Sinkevich wird bei den RSB-Konzerten am 26. Juni im Radialsystem und am 28. Juni auf der Rennbahn Hoppegarten mitspielen.

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