Klassische Musik : Wenn Städte tanzen könnten

Stil und Seele, Brillanz und Sentiment, Bescheidenheit und Überschwang: Boulez und Aimard bei den Philharmonikern.

Christiane Peitz

Auf Pierre Boulez ist Verlass. Nie zeigt der 84-jährige Komponist und Dirigent sentimentale Schwächen, nie lässt er sich hinreißen – und bleibt doch hochsensibel. Wie ein Schiedsrichter steht er da in der Philharmonie, zwischen den einander die Bälle zuspielenden Orchesterhälften bei Béla Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“. Ein Fels in der Brandung, eine hellwache, von den Berliner Philharmonikern ein wenig zu geradlinig interpretierte Musik. Sei es die weitgespannte Crescendo-Fuge des ersten Satzes, die synkopengepeitschte Unruhe des zweiten, die Schlafwandeleien des

Adagios oder die wehmütig vibrierende Reminiszenz an das Eingangsfugenthema im Finale – Boulez bewahrt den Überblick, ein freundlicher, unbestechlicher Ordnungshüter. Folglich halten sich die Philharmoniker zurück, wenn Bartók dem Jazz huldigt, dosieren präzise die Accelerandi und zirkeln die an- und abschwellende Dynamik elegant ab. Selbst Bartóks Flimmer-Intermezzi, das Klingeln der Celesta, die Glitzerfäden, die sie über die Klangarchitektur hinwegwebt, bringen Boulez nicht aus dem Konzept. Er erdet noch die Himmelskörper.

Boulez, der Baumeister. Auch Ravels D-Dur-Klavierkonzert für die linke Hand von 1930 – eine Auftragskomposition für den seit einem Unfall einarmigen Exzentriker-Pianisten Paul Wittgenstein – stellt er als Skulptur in den Raum. Ein Bolero, aus Metall gestanzt. Das Kollektiv kennt keine Gnade, als Pierre-Laurent Aimard dem Flügel mit seiner ungemein virtuosen Linken Koloraturen entlockt und innige Zwiesprache mit den Holzbläsern hält. Stil und Seele, Brillanz und Sentiment, Bescheidenheit und Überschwang: Aimard vereint die Gegensätze mit perlendem Anschlag. Boulez bleibt hochkonzentriert, aber nüchtern.

Seine eigenen Notations für Orchester (1978/97) basieren auf zwölftaktigen Klavier-Miniaturen aus dem Jahr 1945: Aimard intoniert sie dankenswerterweise als Zugabe. Fünf kleine, feine Luftgestalten, die Boulez Jahrzehnte später für ein das Bühnenrund der Philharmonie fast sprengendes gigantisches Ensemble instrumentierte. Hier wird das Organisationstalent des Dirigenten Boulez seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt: Es dient dem Planwerk des Komponisten Boulez, seinen vielschichtigen Rhythmen und Klangflächen-Asymmetrien. Das gestopfte Blech, der rotierende Streicherapparat, das knochige Xylophon-Klappern, der zuckende Orchester-Organismus, überhaupt: die ganze hochkultivierte urbane Kakophonie – der Franzose hält sie in Schach. Wenn Städte tanzen könnten, dann zu diesen Tönen. Rote Rosen für Pierre Boulez.

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