Klosterkirche : Der Klosterfrau Gerissenheit

Mit Molières "Scapino" etabliert sich die Stiftsruine am Alexanderplatz als neuer Theaterort.

Patrick Wildermann

„Bringen Sie ruhig ein paar Freunde mit“, hatte es am Telefon geheißen, „Sie wissen ja, es ist unser erstes Jahr!“ Aber die Sorge, es könnte nicht voll werden, erweist sich als unbegründet. Die Premiere von Molières „Die Gaunereien des Scapino“ in der Ruine der Klosterkirche ist ausverkauft. Nelly Eichhorn heißt die Frau, die hier seit Juli das „Sommertheater am Alex“ betreibt, und selbstverständlich ist sie vor diesem Unternehmen, das sie auf eigenes finanzielles Risiko und mit dem Mut der Unbeirrbaren betreibt, von vielen Seiten gewarnt worden: Das Berliner Publikum sei schwierig, die Presse unbeweglich, davon solle sie bloß die Finger lassen. Eichhorn sagt, sie habe ja selbst lange überlegt: „Soll ich meinen Lieblingsplatz, diesen geheimen Ort, den viele gar nicht kennen, wecken?“

Aber die Vorstellung, in dem Skelett der ehemaligen Franziskanerkirche Tschechows „Möwe“, ihr Herzensstück, unter freiem Himmel aufzuführen, war einfach zu verlockend. Also sagte sie sich: Ich mache es um jeden Preis. Immer wieder zieht Berlin solche Hasardeure an. Und manche werden belohnt. „Die Möwe“, gerade abgespielt, sei gut gelaufen, sagt die Sommertheater-Intendantin und lächelt – wenn es nicht geregnet habe.

Nelly Eichhorn ist weit gereist, geboren wurde sie in der georgischen Hauptstadt Tiflis, studiert hat sie Journalistik in Moskau, später arbeitete sie in Ost-Berlin als Theaterkritikerin, und nach der Wende ging sie nach Amerika und gründete in Lexington, Kentucky, „Nelly’s Puppet Theatre“, ein Figurentheater für die Jüngsten. „Dann wurden die Kinder größer, also wurde auch das Theater größer“, erzählt sie, das Puppenspiel wuchs zum Schauspiel. Der Weg führte Eichhorn dann nach Stuttgart, wo sie das Theater am Olgaeck gründete, und schließlich zurück nach Berlin. Nun sitzt sie, in der Pause des „Scapino“, auf den Stufen ihres Ruinentheaters, kaum fünfzig Meter vom Alexanderplatz entfernt, und spricht, bester Dinge, über den enormen Kraftaufwand, den sie hier leistet: Sie hat Tschechow geprobt und parallel das Kinderstück „Herr Sturm und sein Wurm“ erarbeitet, hat Kostüme selbst geschneidert, die Pressearbeit gemacht und dazu die Schauspieler mit ihrer Begeisterung für die tolle Kulisse angesteckt, „die Mauern erzählen mit“, schwärmt sie. Auf großen Verdienst kann dabei keiner rechnen, aber trotz anderslautender landläufiger Meinung gilt hier: „Geld ist eben längst nicht alles!“

In Molières Lustspiel „Die Gaunereien des Scapino“, das man auch unter dem Titel „Die Schelmenstreiche des Scapin“ kennt, dreht sich hingegen sehr vieles ums Geld. Eigentlich wollte Eichhorn diese Komödie auch noch selbst inszenieren, aber das wurde dann doch zu viel. Also gab sie die Regie in die Hände von Vladislav Grakovski, der Molières letzten Griff in den Finten- und Volten-Fundus der Commedia dell’Arte ganz in ihrem Sinne zu beleben verstand.

Ein Bühnenbild braucht es in der Klosterkirche dafür nicht, auch keine Mikroports, glücklicherweise, die Stimmen der Schauspieler tragen bestens. Im Zentrum der amourösen Wirren, von denen das Stück erzählt, steht ein Diener zweier Herren, der listige Scapin, den Moritz Gaa mit einem hinreißenden, verausgabungsbereiten Talent für körperkomische Kapriolen spielt. Die beiden Freunde aus gutem Hause Octavio und Leandro (Mattis Nolte und Ulrich Meinecke) haben sich in der Abwesenheit ihrer Väter unstandesgemäß verliebt, beziehungsweise verheiratet. Octavio hat das arme Waisenmädchen Giasinta (Ina Bährend) geehelicht, Leandro sein Herz an die schöne Zerbinetta (Nadin Lucia Brehm) verloren, die als Kind von Zigeunern entführt wurde und freigekauft werden muss. Nun gilt es, den alten Herren ihren Segen und ihr Geld abzuluchsen, was Scapin mit allerlei an den Haaren herbeigezogenen Lügenmärchen erledigt – eine frühemanzipatorische Feier des Bedienstetenstandes, die Grakovski mit homogenem Ensemble und präzisem Timing in Szene setzt. Es ist eines dieser Stücke, in denen am Ende alle überraschend miteinander verwandt und verschwägert sind, und es löst sich in schönstem, sommerlich lauen Wohlgefallen unter viel Beifall in der Klosterruine auf.

Bis Ende August wird hier Theater gespielt, aber für den Herbst hat Nelly Eichhorn schon das nächste, internationale Projekt geplant. Sie wird Slawomir Mrozeks Drama „Emigranten“ inszenieren, in einem Campingwagen, der durch verschiedene europäische Länder reisen soll. Gut, der Campingbus fehlt derzeit noch. Aber den wird sie schon auftreiben.

Die nächsten Vorstellungen: „Die Gaunereien des Scapino“, 8., 9., 13. bis 16. August, 20 Uhr. „Herr Sturm und sein Wurm“, 8., 9., 15. und 16. August, 15 Uhr

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