Komische Oper : Oh, wie schön ist Batavia!

Flotte Abstrusitäten: Cordula Däuper inszeniert die Operette "Der Vetter aus Dingsda" an der Komischen Oper

Jörg Königsdorf

Ein netter Abend. So glatt und harmlos klingt das Kompliment, das diesen „Vetter aus Dingsda“ an der Komischen Oper am besten beschreibt, dass man augenblicklich misstrauisch wird. Reicht denn das? Oder lastet nicht auf jeder Produktion eines Berliner Opernhauses der Anspruch, mehr zu bieten und zumindest einen kleinen Beitrag zur Erklärung der Welt oder des immerwährenden Rätsels menschlicher Gefühle zu leisten? Erst recht, wenn es um die Operette geht, die sich ja nicht auf die emotionale Tiefenwirkung ihrer Musik berufen kann und im Spielplan eines großen Opernhauses quasi nur auf Bewährung auftaucht?

Man tut gut daran, dieses ideologische Anspruchsdenken, das nicht zuletzt die Komische Oper selbst durch Produktionen wie Peter Konwitschnys „Land des Lächelns“ geschürt hat, diesmal zu Hause zu lassen. Denn die junge Regisseurin Cordula Däuper, die am Haus schon die Kinderoper „Die Prinzessin auf der Erbse“ in Szene gesetzt hat, will gar nicht nach einer Rechtfertigung dafür suchen, weshalb die 1921 uraufgeführte Verwechslungskomödie eine so abstruse Handlung besitzt. Oder gar, warum den Menschen damals, nach der traumatischen Erfahrung eines Weltkriegs, solche fantastischen Operettenluftschlösser aufbauten und die Erlösung aus ihren Kalamitäten nur noch aus den allerfernsten Weltteilen erhoffen wollten.

Denn immerhin könnte es ja stutzig machen, dass der Vetter Roderich, dessen Wiederkehr die liebeskranke Erbin Julia de Weert ersehnt, sich just sieben Jahre zuvor gen Batavia aus dem Staub gemacht und mithin (von 1921 rückgerechnet) das ganze Kriegsgemetzel elegant umkurvt hat. Reiner Zufall? Oder verbirgt sich hinter der turbulenten Oberfläche am Ende ein Stück über die Unvereinbarkeit der kaiserzeitlichen Moralvorstellungen der Dornröschen-Prinzessin Julia und dem libertinären Geist der zwanziger Jahre?

Natürlich muss man an Eduard Künnekes Erfolgsoperette nicht unbedingt derart essenzielle Fragen stellen. Wahrscheinlich sollte man einfach zufrieden sein, dass hier ein halbvergessenes Operettenmeisterwerk – denn das ist dieser „Vetter“ – wieder hervorgeholt und liebevoll in zeitgemäß aufgefrischter Optik erzählt wird. Schon die Terrasse mit dem schrillschicken Retro-Fußboden, die Markus Karner auf die Bühne der Komischen Oper gebaut hat, setzt die Zeichen auf Lustig, und für einen leichten Dreh ins Marthalernd-Absurde sorgen leicht heruntergeschaltetes Dialogtempo und ein schräges, kunstvoll ungelenkes Dienstbotenpaar. Auch die Kinderschrift der auf die Rückwand projizierten Liebesbriefe, die Julia an den fernen Vetter richtet, signalisiert, dass man die Leiden der jungen Dame nicht allzu ernst nehmen sollte. Leicht und lustig will dieser Abend sein. Und das gelingt überraschend gut.

Ohnehin liest sich die Geschichte über weite Strecken kaum anders als eine jener Typenkomödien, mit denen ein paar Jahre später auch der Tonfilm seine ersten großen Erfolge hatte: Der verfressene Onkel Josse (Uwe Schönbeck als prächtig grantelndes Ekel), der die Vormundschaft über Julia ausübt und sie mit seinem Neffen August verheiraten will, gehört ebenso in das Arsenal des Boulevardstücks wie seine Gattin Wilhelmine (Christiane Oertel) oder Julias unbeholfener Verehrer Egon von Wildhagen (Peter Renz). Und auch der geheimnisvolle Fremde, der sich sofort in Julia verguckt und sich als Roderich ausgibt, nachdem er die Konstellation im Hause seiner Angebeteten erforscht hat, ist einer jener Charmeure mit Chuzpe, denen in den Zwanzigern das Publikum zu Füßen lag – die frech proletarischen Züge, die Christoph Späth diesem Glücksritter verleiht, erinnern nicht von ungefähr an frühe Heinz-Rühmann-Filme.

Auf dieser Schiene läuft der Abend recht flott seine zweieinhalb Stunden lang: Für die Gegenwartsrelevanz der Geschichte, die zu zeigen an der Komischen Oper Pflichtaufgabe ist, steht die Traumwelt Bollywoods, in die Julia (frisch, aber nicht gerade textverständlich: Julia Kamenik) und ihre Freundin Hannchen (Anna Borchers) immer wieder via DVD flüchten. Als am Ende der echte Roderich (Thomas Ebenstein) per Hubschrauber eingeschwebt kommt, sieht er tatsächlich aus wie der Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan – und sorgt prompt dafür, dass der ganze Traum zerplatzt. Der schmucke Vetter kümmert sich keinen Deut um die ferne Geliebte, während Julia sich endgültig in ihre Märchenwelt zurückzieht, statt sich ihre Liebe zum falschen Roderich einzugestehen. Wie das Leben eben so spielt.

Natürlich beruhte der Erfolg des „Vetters aus Dingsda“ seit jeher in erster Linie auf der Musik: auf Hits wie „Bin nur ein armer Wandergesell“ und „Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken“ ebenso wie aus der raffinierten Verschmelzung von großem Pathos à la Lehár mit dem Dancefloor-Sound der zwanziger Jahre. An der Komischen Oper liefert Patrick Lange mit dem Orchester gewissermaßen den Soundtrack zu den Bollywood-Filmschnipseln auf der Bühnenrückwand. Opulent und farbig klingt dieser „Vetter“: Das leuchtende Rankenwerk der Bläser, mit denen Künneke die Morgenstimmung im Weert’schen Schlosspark ausmalt, erinnert daran, dass der 1953 gestorbene Wahlberliner ursprünglich aus dem Dunstkreis der nachwagnerischen Schule kam und beim „Hänsel und Gretel“-Komponisten Engelbert Humperdinck in die Schule ging.

So klingt Operette im großen Opernhaus – sahnig schön, aber vielleicht ein bisschen zu selbstzufrieden. Die Tanzrhythmen (Tango!), mit denen Julia aufs erotische Glatteis gezogen wird, hätten jedenfalls zackigere Konturen vertragen. Wer einen aggressiveren, grelleren Künneke-Tonfall will, muss ihn an Off-Bühnen suchen.

Ein netter Abend. Seien wir damit einfach mal zufrieden.

Wieder am 6., 9., 13., 20. und 29. Mai

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