Performing-Arts-Festivals : Butoh und Seifenblasen

Eine Insel der Seligen - und ein kleiner Horrorladen. Feuchte Räume: das Festival "In Transit 09“ im Haus der Kulturen der Welt.

Sandra Luzina

Die Insel aus Holzplanken, die auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt schaukelt, erinnert an ein Floß. Vier Gestalten, die Gesichter durch grobe Pappmasken unkenntlich gemacht, treiben auf dem Wasser wie Schiffbrüchige. Der Choreograf Hooman Sharifi hat die Tänzer seiner „Impure Company“ hier ausgesetzt, wo sie Wind und Regen preisgegeben sind. Ihre tastenden Bewegungen bilden den schärfsten Kontrast zum Geschehen im Tiergarten ringsum. Ausgerechnet am Eröffnungsabend des Performing-Arts-Festivals „In Transit 09“ fand der Staffellauf der Berliner Wasserbetriebe statt, die schwangere Auster war praktisch abgeschnitten, das Festival-Motto „Resistance of the Object – Widerstand des Objekts“, das Kurator André Lepecki von dem afroamerikanischen Künstler Fred Moten geborgt hat, wurde zur greifbaren Erfahrung.

Wer aber nach dem unvermuteten Hindernislauf das Haus der Kulturen endlich erreicht hatte, musste sich fühlen, als sei er aus dem Koordinatensystem von Zeit und Raum herausgefallen. Eine Insel der Seligen oder doch ein kleiner Horrorladen? Beides suggerierte der Eröffnungsabend. Die Künstler aus aller Welt, die André Lepecki nach Berlin eingeladen hat und die nicht unbedingt mit fertigen Arbeiten anreisen, postulieren einen anderen Zeitbegriff und eine andere Gangart. So fand zum Auftakt kein Staffellauf der kosmopolitischen Performer-Elite statt, das Haus füllte sich erst langsam mit neuen Gedanken und fremden Körpern.

Maria Jose Arjona (Kolumbien/USA) begann in aller Seelenruhe ihre Langzeit-Performance im Foyer. Wenn die Seifenblasen, die sie produziert, zerplatzen, hinterlassen sie an den weißen Stellwänden rote Flecken. In das scheinbar unschuldige Spiel dringt die Spur von Gewalt. Hinterhältige Spiele zeigt auch die Gruppe El Periférico de Objetos aus Argentinien, die in „Manifesto de Ninos“ eine Revolte der Kinder anzettelt. Die Glasbox, in der die Schauspieler während der Aufführung eingesperrt sind, wird zur so faszinierenden wie unheimlichen Installation, an der sich die Zuschauer die Nase plattdrücken. Sie ist zugeramscht mit bösen Puppen, schmuddeligen Kindheitsreliquien und wilden Krakeleien. Ein Ort verborgener Schrecken.

Das Grausame des Lebens und des Todes will der japanische Butoh leibhaftig erfahrbar machen. Mit Sankai Juku gastierte eine der international erfolgreichsten Butoh-Truppen erstmals in Berlin. Ihr legendäres Stück „Hibiki – Resonance from Far Away“ von 1998 ist ein eigenwilliger Kommentar zur Evolutionstheorie. Neun mit Wasser gefüllte Glasschalen sind im Kreis angeordnet. Ein Verweis auf den Ursprung des Lebens? Zu Beginn hört man nur das Geräusch eines fallenden Wassertropfens. Die fünf Tanz-Asketen mit ihren kahl geschorenen Schädeln, ihren weiß gepuderten Körpern liegen in Embryonenhaltung zusammengekrümmt auf dem Boden. Der 60-jährige Ushio Amagatsu, der Begründer dieser verschworenen Bruderschaft, steht in ihrer Mitte, ein Hohepriester mit beschwörenden Gesten.

Die Tänzer bewegen sich in hypnotischer Langsamkeit und durchlaufen seltsame Metamorphosen. Innerer Aufruhr bei äußerer Stille – die Japaner deklinieren das durch, was für den westlichen Betrachter schon fast paradox anmutet. Jäh wird die Hand zur Kralle, aus sanften Mönchen werden Monster mit Greifarmen. Oder schräge Vögel in weißen Schnürmiedern, die ihre Münder aufreißen wie frisch geschlüpfte Küken. Sankai Juku gelingen Bilder von wundersamer und zugleich irritierender Schönheit. Doch die Butoh-Philosophie wird hier ziemlich verwässert. Und zum Ende bei wabernden Synthesizer-Klängen mutiert „Hibiki“ zum Eso-Kitsch.

Dennoch entrückten die Japaner die Zuschauer in einen meditativen Zustand. Danach musste man sich verwundert die Augen reiben. Denn während Intendant Bernd Scherer und André Lepecki noch ihre Reden hielten, schüttelten einige Dutzend Discomäuse wild entschlossen ihre Körper. Die tänzerische Ekstase war freilich bestellt. Die Leitung des Hauses hatte offenbar wenig Vertrauen in die hiesige Party-Szene und so wurden junge Berliner gegen eine geringe Aufwandsentschädigung als Einheizer engagiert. Und es funktionierte.

Haus der Kulturen der Welt, bis 21.6. Programm unter www.hkw.de. „Hibiki“ noch einmal am 13.6., 20 Uhr.

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