Philharmonie : Bimm! Bamm!

Barenboim dirigiert Mahler in Berlins Philharmonie. Musik und Welt und Dirigat geraten fast völlig aus den Fugen. Aber eben nur fast.

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Schlicht, schlicht, schlicht! – möchte man aus Block B der Philharmonie hinunter aufs vollbesetzte Podium rufen: Diese Musik mit ihren Posthornsoli, Nietzsche-Zitaten und „Bimm bamm“-Knabenchören ist doch affektgeladen und wirkungsmächtig genug! Da muss, da darf man doch nichts „machen“! Daniel Barenboim aber inszeniert Gustav Mahlers dritte Sinfonie als Welterklärungstheater, als zähnefletschendes babylonisches Monstrum. Choräle und Spielmannszüge fallen übereinander her, Posaunen blasen zum letzten Gericht, Musik und Welt und Dirigat geraten im ersten Satz fast völlig aus den Fugen. Aber eben nur fast, und das ist das Glück und das Problem.

Mit größtmöglichen Gesten waltet Barenboim seines Amtes, und wenn es – wie im Menuett oder im Scherzo – mal ein wenig gesitteter zugeht, dann krachen die Seiten seiner Partitur beim Umblättern. Barenboim ist kurzfristig für James Levine eingesprungen – der Montagecharakter, das Machwerkhafte dieser Sinfonie ist also auch der Situation geschuldet. Wie er aber die Fäden dann doch immer in der Hand (be-)hält, das ist bewundernswürdig. Bei Barenboim hört man nicht, wie Mahler geht, sondern mehr, im eigenen Kopf, wie er gehen müsste. Zum Niederknien, wie Posthorn und Violinen einander im dritten Satz bezärteln – überhaupt empfiehlt sich die Staatskapelle an diesem Abend als großartiges Mahler-Instrument. Sowohl die Damen des Staatsopernchors als auch die Aurelius-Sängerknaben aus Calw bleiben dagegen klanglich leider etwas blass.

Und dann, im misterioso des vierten Satzes, kommt mit Waltraud Meier die Klarheit. Selten hat man Zarathustras Mitternachtslied so souverän gehört, in solcher Ruhe und Konzentration vorgetragen, auch stimmlich. Meier muss nichts „machen“, ihr reifes Mezzo-Timbre ist beredt genug, und das weiß sie. „Doch alle Lust will Ewigkeit“? In einem extrem ausgereizten, von seltsamen Temposchwankungen befallenen Finale scheint Daniel Barenboim davon weiter zu träumen. 

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