Schaubühne : Büßer der Lücke

Panzerknacker am Ku'Damm: Volker Lösch spielt mit ehemaligen Strafgefangenen "Berlin Alexanderplatz" an der Schaubühne.

Rüdiger Schaper

Adventslieder sind das nicht, was in der Schaubühne am Lehniner Platz zu hören ist. Es sind auch keine Schauspieler, die da knöcheltief in (falschem) Münzgeld stehen und von Knast, Verbrechen und der schnellen Kohle rumoren unter der großen Schrift an der Wand: Du sollst nicht stehlen. Die zwanzig Männer – ein paar Frauen sind auch darunter, aber man nimmt sie kaum wahr – sprechen aus eigener Erfahrung. Sie haben Mist gebaut, Pech gehabt, vielleicht hatten sie nie eine Chance oder einfach auch keine Lust auf ein sogenanntes auskömmliches bürgerliches Leben. Ein Laienchor ist aufmarschiert, Verlierer, die vom Gefängnis gezeichnet sind ein Leben lang, die draußen keine Arbeit finden und auf keinen grünen Zweig mehr kommen, wie Franz Biberkopf in „Berlin Alexanderplatz“. Volker Lösch hat diese – da ist er ehrlich – „freie Bühnenbearbeitung“ des Romans von Alfred Döblin angerichtet.

Ein Hartz-IV- oder, wie es diesmal heißt, „Biberkopf-Chor“ bildet den Kern der Lösch-Arbeiten. Das Casting von Betroffenen, frontale soziale Bestandsaufnahme mit den armen Schweinen im Licht eines reichen Theaterbetriebs – das ist Löschs Markenzeichen. Damit hat er Karriere gemacht, ist über Dresden, Stuttgart und Hamburg nun auch in Berlin angekommen. Er hat die Lücke gefunden. Denn es fehlt den Bühnen an schlagkräftigen neuen Stücken über die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, ihre Verwerfungen, Gefährdungen, Skandale und Opfer. Die Traditionslinie, die einmal über Büchner, Hauptmann, Brecht und Kroetz verlief, ist lange abgerissen. Lösch holt Menschen von der Straße auf die Bühne, die in einem durchästhetisierten Betrieb nicht wahrgenommen werden, die nicht mehr auftauchen als Figuren im Repertoire.

Volker Lösch, das soziale Gewissen einer abgezockten, ignoranten und nur an sich selbst interessierten Theaterwelt? Es gibt in diesem Stück wieder einen für ihn typischen Ausfall gegen Kritiker und arrivierte Regisseure, die sich das Hirn wegkoksen und sonst nichts im Kopf haben. Lösch, der saubere Revolutionär?

Wenn es so einfach wäre. Wer würde diesen Menschen, ehemaligen Strafgefangenen, nicht zuhören, wem wäre nicht zum Heulen und Lachen bei diesen ungelenk-charmanten Umgangssprachartisten, wenn Lösch sie nur reden ließe! Doch sie kommen immer nur kurz zu Wort, nicht eine individuelle Geschichte, ein Biberkopf-Drama von heute wird auserzählt. Und so inbrünstig der Ex-Gefangenenchor (unter Leitung von Bernd Freytag, der das Handwerk bei Einar Schleef gelernt hat) auch seine Wut und Not skandiert – die Typen bleiben Typen, und anonym. Der öffentliche Auftritt mag ihnen guttun, die Arbeit in der Gruppe gibt Selbstvertrauen, und das Theater ist ein hoffentlich nicht schlecht bezahlter Job, eine neue Erfahrung, wenn man aus Tegel kommt. Doch wird ein Stück daraus? Eine Geschichte? Eine Anklage? Eine Analyse? Eine Erkenntnis?

Löschs Theater hat etwas Dekoratives. Wenn die Männer und Frauen mit Panzerknackermasken die Bühne (von Carola Reuther) mit Geldsäcken zuschmeißen, auf denen das Emblem der Deutschen Bank prangt, gibt es Szenenapplaus in der Schaubühne. Solche Bilder kann Lösch, die machen was her, da wird lustig das Geld der Dagobert Ducks umverteilt, wie provokant! Ein hübsches Happening. In Löschs „Marat/Sade“-Verarbeitung nach Peter Weiss, eingeladen zum letzten Berliner Theatertreffen, gab es eine ähnliche Szene. Alles recht und billig, schön und gut, man tobt sich mal aus. Aber am Ende ist Lösch eher ein Installateur als ein Regisseur, einer, der Menschen hin- und Empörung ausstellt – und dies keinesfalls so konsequent und edelmütig, wie es aus der Entfernung wirkt.

Denn Lösch macht die Erniedrigten und Beleidigten zu Choristen, zu Edelstatisten, mehr nicht. Die wichtigen Rollen übernehmen dann doch wieder gelernte Schauspieler, die Laien schauen zu. Wo sind all die Schicksale geblieben? Wo kommen sie her, wo gehen sie hin? Und was ist mit der Story vom „Alexanderplatz“?

Das Profi-Quartett reißt sie bloß an. Auch sie trampeln nur an der Oberfläche herum: Sebastian Nakajew hat die Kraft und Statur für Döblins Franz, Eva Meckbach kann berühren als Mieze, Felix Römer als Gangster Pums gibt einen strizzihaften Fiesling und der böse Quälgeist Reinhold hat bei David Ruland immerhin die Ahnung von der dämonischen Energie dieses (bei Döblin) biblischen Kains. Es wird immer auf demselben Level gespielt – hektisches Brüllen. Kraftmeierei. Nicht ein Moment der Stille. Entfalten können sich Schauspieler bei Lösch nicht.

Das kommt nicht zusammen, muss sich getrennt halten – hier die Schauspieler, dort der Sprechtrupp. Die scheinbar mutige Versuchsanordnung läuft glatt und öde durch, die Risiken, die in dem gemischten Ensemble liegen, sind auf ein Minimum reduziert. Ein Theater der kalkulierten Erregung. Während bei Einar Schleef (solche Vergleiche sind eigentlich nicht verdient) die Chöre ein Theater fast zum Einsturz brachten mit ihrer archaischen Wucht und Ausdauer, während Dimiter Gotscheff in seinen Klassikern im chorischen Sprechen dramatische Abgründe auslotet, während schließlich – Chöre haben Konjunktur – René Pollesch in „Ein Chor irrt sich gewaltig“ die Boulevardkomödie intelligent reanimiert, hat so ein Lösch-Chor etwas Trocken-Disziplinarisches. Sportunterricht alter Schule.

Von Döblin und seinem epochalen Roman aus den späten zwanziger Jahren ist in diesen zwei Stunden wirklich nicht die Rede. Das Buch bleibt fest geschlossen, Döblins schreckliche Heldin, die große Stadt Berlin, tritt gar nicht erst in Erscheinung. Dieser Alexanderplatz ist ein Gemeinplatz, am Ende doch ein Weihnachtsplätzchen. Und wieder passiert es, dass man mehr über Volker Lösch spricht als von dem Feuer, das er entzünden will.

Wieder am 15., 18. und 19. Dezember

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