Schaubühne : Zwiebelduft

Banal und raffiniert zugleich: "Das darf man nicht sagen" im Studio der Schaubühne.

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Puristische Spüle aus Edelstahl, Cerankochfeld und glatt schimmernde Arbeitsplatte. Auch wenn das supermoderne Küchenmöbel, das im Studio der Schaubühne steht, erinnerungslose Gegenwart beschwört: die Vergangenheit hat Eri und Selma Meyer fest im Griff. Erstens bereiten sie gerade Gehackte Leber zu, eine traditionelle jüdische Beilage, zweitens reden die beiden Schwestern – beide bald neunzig – unablässig über Osnabrück. Dort lebten sie als Kinder, bevor sie in den dreißiger Jahren der Nazis wegen nach Frankreich emigrierten. Und dorthin kehrten sie nach über fünfzigjähriger Abwesenheit für eine Gedenkveranstaltung zurück, als „unsere letzte Juden“, wie es in der Einladung hieß. Erst wollten sie nicht fahren – dann taten sie es doch und kommen nun über die Folgen dieser desaströsen Rückkehr nicht hinweg.

Dabei ist – und das ist der Reiz an dem kurzen Text „Das darf man nicht sagen“ der Französin Hélène Cixous – nichts Schlimmes passiert. Allein die Zuschreibung als Juden, die Rolle als Überlebende, macht ihnen zu schaffen: „Man möchte als Deutsche zurückkehren und doch wurden wir gezwungen als Juden zurückzukehren ...“ Was sie während der Gedenkveranstaltung in der erzwungenen Rolle als „weise Frauen“, die „Erinnerungen betreuen“ sollen, tatsächlich gesagt haben, erfährt man nicht. Dafür das, was „man nicht sagen“ darf, weil es gegen unausgesprochene Regeln verstoße. „Alle Menschen sind Rassisten“, sagt Selma. Und: „Je älter man wird, desto mehr Schuld hat man“. Oder: Bevor die Nazis kamen, gab es einen „gesunden Antisemitismus“.

Cixous’ Text, ihrem Buch „Benjamin nach Montaigne“ entnommen, ist banal und raffiniert zugleich. Banal, weil er zwei alte Damen während des Erinnerns pittoresk ein Gericht zubereiten lässt und alles, was zwischen den Figuren an Dramatik entstehen könnte, durch augenzwinkernde Betulichkeit und ein Zuviel an Informationen zunichte macht. Raffiniert, weil das Erinnerte selbst in der Schwebe gehalten und die bitteren Zuspitzungen wie auf einem Vexierbild zwischen hintergründiger Provokation und Allgemeinplatz hin- und herspringen.

Von der Abgründigkeit des Leichten vermittelt sich in der Nicht-Regie von Anne Schneider allerdings kaum etwas. Und schon gar nicht von der Empörung. Dafür spielen Lore Stefanek und Juliane Gruner viel zu abgeklärt. Kochen beruhigt. Und so hängt bald nicht nur der Duft von geschnittenen Zwiebeln, sondern auch ein küchenwohliges „Ist-aberauch-egal“ in der Luft. Andreas Schäfer

Wieder am 26.1. und 11.2.

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