SPIEL Sachen : Die Tugend des Denkens

Wie man aus einem hundertjährigen Stoff ein erfolgreiches Jugendtheaterstück von heute macht: Christine Wahl glaubt nicht mehr an den Klapperstorch.

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In Frank Wedekinds Frühlings Erwachen tischen Müttern ihren Töchtern zwar noch das rührende Märchen vom Klapperstorch auf; und Jugendliche, die sich in der Tugend des eigenständigen Denkens versuchen, werden kurzerhand in die „Korrektionsanstalt“ geschickt. Trotzdem scheint die 1906 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters uraufgeführte „Kindertragödie“ den Nerv von Teenagern zu treffen wie sonst kaum ein Theaterklassiker. Die lebenslustige Wendla, die mit vierzehn schwanger wird, der Hochbegabte Melchior oder Moritz, den schulische Misserfolge und verknöcherte Erwachsene in den Suizid treiben, dienen Jugendlichen nach wie vor als Folien zur Selbstbefragung.

Besonders eindrücklich führte der Regisseur Nuran David Calis vor einigen Jahren am Schauspiel Hannover vor, wie man aus dem hundertjährigen Stoff ein erfolgreiches Jugendtheaterstück von heute macht. Er hat nicht einfach nur – wie es das Gros in solchen Fällen tut – ein bisschen Staub vom Reclam-Heft gepustet und ansonsten alles Antiquierte weggelassen oder ironisiert, sondern tatsächlich mit großer Sorgfalt den zeitlosen Kern jedes einzelnen Wedekind-Motivs freigelegt: Generationskonflikte, auch ohne Storch-Märchen, oder Konformitätsdruck zum Beispiel.

Dieses Wochenende erzählen nun Jugendliche in Berlin gleich an zwei Orten das Stück aus ihrer Sicht neu. Am Uraufführungsort, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, hat am morgigen Sonnabend um 20 Uhr Marc Prätschs Inszenierung mit dem „Jungen DT“ Premiere. Und bereits am heutigen Freitagabend (und bis einschließlich Sonntag, jeweils 20 Uhr) zeigen 14- bis 25-Jährige im Ballhaus Ost, was sie in Wedekinds Stück gefunden haben: „Gruppendruck, Mobbing, Bulimie, Elternstress und das Glück und die Tragik der ersten Liebe“. Autobiografische Textschnipsel fließen genauso in den Abend ein wie dokumentarische Videosequenzen. Und weil in Michaela Caspars Inszenierung auch zahlreiche gehörlose und schwerhörige Jugendliche mitwirken, muss das Theater zudem anders mit Kommunikationsformen wie der klassischen Rede umgehen.

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