Tanztheater : Spuren im Staub

Tanz im August: Mit einer aufwühlenden Performance eröffnet die Compagnie Salia nï Seydou aus Burkina Faso das Berliner Festival

Sandra Luzina

Wie ein mythisches Brüderpaar stehen sie an, die beiden hünenhaften Männer. Zuerst sieht man nur ihre gebeugten Rücken, ein Massiv aus Muskeln. Ousseni Sako und Boukary Séré sehen aus, als wollten sie die ganze Last der Geschichte ihres Kontinents Afrika schultern. Die beiden Körper bewegen sich perfekt im Gleichklang, und wenn sie schließlich auseinanderstreben, bleiben sie doch aneinander gefesselt. Die folgenden Attacken sind auch ein Bruderzwist – diese Lesart drängt sich auf bei der Produktion „Poussières de Sang“.

Die Compagnie Salia nï Seydou aus Burkina Faso tobt zum Auftakt von „Tanz im August“ über die Bühne im Haus der Berliner Festspiele. Afrikanische Künstler eröffnen das internationale Tanzfest – das hat es in nunmehr 21 Jahren Festivalgeschichte noch nicht gegeben. Die beiden Choreografen Salia Sanou und Seydou Boro setzen mit „Poussières de Sang“ („Blutstaub“) ein Zeichen, in politischer wie ästhetischer Hinsicht. Auslöser für das Stück war eine plötzliche Erfahrung von Gewalt. Als die Choreografen 2007 in der Hauptstadt Ouagadougou ihr Tanzzentrum „La Termitière“ eröffneten, kam es zu Schießereien zwischen Armee und Polizei.

Salia Sanou und Seydou Boro geht es nicht um dieses historische Ereignis, sie liefern keine politischen Analysen. Sie zeigen vielmehr, wie die Gewalt sich in die Körper einschreibt – und wie Repression funktioniert. Gewalt erzeugt neue Gewalt, der Gepeinigte wird später selbst zum Peiniger – aus diesem Teufelskreis gibt es kein Entrinnen.

Bénédicth Sene überschreitet als erste eine innere Grenze. Vier Mal hintereinander verpasst sie dem wehrlos am Boden liegenden Mann einen Fußtritt, mit jedem Mal scheint sich die Aggression noch zu steigern. Die Gewalt entlädt sich abrupt, lässt sich nicht mehr eindämmen. Zunächst sieht man, wie nur einer zum Opfer gemacht wird, er wird zum Spielball wechselnder Aggressoren. Ein zweiter kommt hinzu, krümmt sich unter unsichtbaren Tritten. Bald lässt sich nicht mehr unterscheiden, wer Opfer und wer Täter ist. In einer frenetischen Gruppenszene knien die sieben Tänzer am Boden, ihre Körper werden wie von einer unsichtbaren Kraft geschüttelt, gestoßen und niedergedrückt. Schmerzhaft eruptiv sind die Bewegungen, regelrechte Erschütterungen, das hat nichts mit dem rhythmischen Schlenkern und Stampfen gemein, wie man es aus den folkloristischen Varianten afrikanischer Tänze kennt.

Mit erhobenen Händen, die Leiber dicht aneinander gedrängt, stehen dann alle an der Wand – wie vor einer bewaffneten Miliz. Fünf fabelhafte Musiker agieren dabei live auf der Bühne, mischen die Klangfarben, treiben das Geschehen an, kommentieren es. Warum die Engel in den Kathedralen nicht auch schwarze Gesichter haben, fragt Mamadou Koné in einem Song. Ein Engel der Geschichte wird hier schmerzlich herbeigesungen.

Auch künstlerisch setzen Salia nï Seydou ein Zeichen, demonstrieren sie doch, dass Choreografen aus Afrika nicht zwingend mit mindestens einem Bein in der Ethnokunst stehen. Mit „Poussières de Sang“ gelingt ihnen trotz einiger Längen ein aufwühlendes Stück. Gerade die physische Vehemenz löst Empathie aus. Am Ende schauen die Tänzer sich an, Ratlosigkeit steht in ihre Gesichter geschrieben, langsam wenden sie den Blick zum Publikum – eine Aufforderung hinzuschauen, nicht die Augen zu verschließen vor den Tragödien, die sich fern von uns abspielen.

Auch die zweite afrikanische Produktion zeigt eine Form des ästhetischen Widerstands: Sie kommt aus dem Kongo, der seit Jahren von einem furchtbaren Bürgerkrieg heimgesucht wird. „More, more, more … Future“ von Faustin Linyekula und den Studios Kabako ist ein ausgelassenes Rockkonzert und zugleich utopisches Manifest. (18. und 19. August, 19.30 Uhr im HAU 1) Die Künstler aus dem Kongo werden zeigen, wie das geht: Mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen – und zu träumen.

Das Festival läuft bis zum 30. 8. Am heutigen Sonntag tritt Alice Chauchat im Podewil auf, im HAU 2 ist die französischösterreichische Truppe Superamas zu sehen, die Sophiensäle zeigen Arto Lindsays und Richard Siegals „Muscle“. Weitere Infos unter www.tanzimaugust.de.

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