Volksbühne : Peter Stein erklärt die Geburt der Tragödie

Das Alter ist erhaben über Feindschaft und Animosität, zumindest wenn es gnädig läuft mit dem Älterwerden. Erst hat Peter Stein an Peymanns Berliner Ensemble inszeniert, jetzt tritt er sogar vor Castorfs Volksbühne auf, wo in letzter Zeit schon andere Heroen der alten Schaubühne zu sehen waren.

Andreas Schäfer

Edith Clever zum Beispiel, Hymnen von Hölderlin vortragend. Ganz in Schwarz sitzt Peter Stein im Amphitheater von Bert Neumann hinter einem einfachen Tisch. Der Sand in der Agora ist feucht, durchzogen von zarten Vogelspuren – und prosaischen Schuhabdrücken. Wolken, effektvoll von unten angestrahlt. Vielleicht wird es regnen, vielleicht auch nicht, während Peter Stein, Regisseur einer legendären „Orestie“ – „meine einzige Arbeit, die bleibt“ – uns in der 3. Agora-Rede den Ursprung der antiken Tragödie erklärt.

Doch erst kommt er mit knarziger Begeisterung auf das alte Athen zu sprechen. Wie konnte das sein? Demokratie, Erfindung des Theaters, Wiege des Abendlandes, und nach ein- , zweihundert Jahren war alles wieder vorbei, historisch geworden, begann schon die Erbsenzählerei des Hellenismus? Steins These: Aus dem Norden kamen die Einwanderer und stießen während ihrer Wanderbewegung an eine natürlich Grenze: das Meer. Sie mussten bleiben, mischten sich mit der minoischen Kultur, und dann herrschte ein produktives Gemisch von modernem Fortschrittsdrang (Schiffsbau!) und atavistischem Stammeskult.

Auch die Tragödie entstieg so einem rituellen Stammeskult, recht eigentlich sogar zwei Kulten, einer „säuischen Volksbelustigung“, dem Bockstanz, bei dem Wesen mit umgeschnallten Bäuchen auftraten, und einem magischen Tanz, bei dem durch Nachspielen von Alltagstätigkeiten (Jagen zum Beispiel) die Götter gnädig gestimmt werden sollten. Alles Spiel fand im Kreis statt, war Chor, nach innen gerichtet, „wie in Afrika“. Doch dann erfand jemand den ersten Schauspieler.

Peter Stein steht auf und malt mit schwarzem Edding zwei Kreise auf eine Schautafel. Kleiner Kreis (der Chor), großer Kreis drum herum (die Zuschauer) und in der Mitte ein Punkt (1. Schauspieler). An diesem Punkt kommt der sogenannte „Thespis-Wagen“ ins Spiel, ein Wagen, auf den sich der Schauspieler stellte, um gesehen zu werden: die erste Bühne. Dann kam der zweite Schauspieler dazu und die Zuschauer konnten nur noch vorne oder hinten stehen, und als es drei waren, mussten sie auf eine Seite wandern, um das Geschehen mitzubekommen. Das Amphitheater war geboren.

Brandneu ist das nicht, was Peter Stein über das antike Theater zu sagen hat – aber es ist atemberaubend einleuchtend: wie er den „Umraum“ der Texte imaginiert, ihre Aufführungspraxis, und nebenbei seine Vorstellung von „Katharsis“ erläutert, die Reise der einzigen Originalabschrift der Orestie von Alexandria über Konstantinopel bis nach Venedig nachzeichnet und erklärt, warum nur die Tragödien von drei Autoren (Aischylos, Sophokles, Euripides) „auf uns gekommen sind“. Weil die drei damals Schulstoff waren und tausendfach kopiert wurden.

„Sie haben so viel über die Umstände gesprochen und so wenig über Inhalte“, sagt ein Herr aus dem Publikum. Peter Stein seufzt. „Der Unterschied zwischen Aischylos und Euripides? Weiß ich natürlich. Steht auch auf diesem Zettel (hält winzigen Zettel hoch). Aber ich finde, Sie haben schon genug Sitzfleisch bewiesen.“ Es hatte nicht geregnet.

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