Kultur : Büßen für die Schurken

IM ja, Spitzel nein? Werner Söllners Securitate-Geschichte und Ceausescus Rumänien in den siebziger Jahren.

Gerhardt Csejka
314187_0_87414b1a.jpg Foto: The NewYorkTimes/Redux/laif
Ceausescus Erbe. Securitate-Akten im Lager der staatlichen Bukarester Behörde. -Foto: The NewYorkTimes/Redux/laif

Der Geniestreich des jungen Ceausescu war zweifellos seine Balkonrede am 21. August 1968, als er der Welt lauthals kundtat, er verweigere den Sowjets die Gefolgschaft, Rumänien beteilige sich nicht am Einmarsch in die Tschechoslowakei, sondern stehe zum Freundschafts- und Beistandspakt, den man mit Dubcek & Genossen wenige Tage zuvor unterzeichnet hatte. Ein ungewohnt klares und beeindruckendes Signal dafür, dass die bösen fünfziger Jahre der stalinistischen Epoche definitiv vorbei waren. Zwar hatte der ehrgeizige junge Politiker seit seinem Amtsantritt an der Spitze der Partei und bald auch des Staates (1965) immer wieder seinen Reformwillen hin zu einer sozialistischen Demokratie bekräftigt, doch glaubhaft erschien das erst mit dem 21. August 68.

Zu den kulturpolitisch relevanten Folgen dieser Zäsur gehörte eine deutliche Reduktion der Angst, sich mit einem falschen Wort um Kopf und Kragen zu reden (oder zu schreiben). Auch der Gedanke an die ständige Präsenz der Securitate-Lauscher war in der Folgezeit weit weniger verhaltensbestimmend als in der Zeit davor. Die in den fünfziger Jahren geborenen, in diese gelockerte nachstalinistische Zeit hineingewachsenen jungen Autoren waren somit quasi prädestiniert dafür, auch in der Literatur einen richtigen Neuanfang zu wagen.

Bei den Zusammenkünften der jungen Autoren der Banater Gruppe in Temeswar wurde immer äußerst offen debattiert und auch politisch Tacheles geredet. Zwar hatte die Securitate davon Wind bekommen und versucht, zwei Leute in dem Zirkel für sich arbeiten zu lassen, doch offenbarten sich diese ihren Kollegen, so dass die Securitate sie bald als „illoyal“ von der IM-Liste strich. Das Vertrauen innerhalb der Gruppe schien lange Zeit einfach unerschütterlich, was unter den damaligen Umständen sicher ein mehr als seltenes Phänomen war.

Werner Söllner, obwohl im Banat geboren, studierte nicht in der Hauptstadt des Banats, Temeswar, sondern in Klausenburg/Siebenbürgen, wo sich aus Sicht der Securitate ebenfalls ein bemerkenswertes Gruppenphänomen herausgebildet hatte, wenngleich nicht in ähnlich organisierter Weise. Das ideologisch gefährliche Zentrum wurde hier nicht in studentischen Kreisen, sondern im Lehrkörper ausgemacht, vor allem ein Gastlektor aus der BRD konzentrierte die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörde auf sich, und wer zu ihm gute Beziehungen unterhielt, geriet natürlich sofort ebenfalls in den Verdacht dissidentischer Hinterhältigkeit. Sehr praktisch für ihre Zwecke fand die Securitate offenbar die Existenz der großartigen dreisprachigen Studentenzeitschrift „Echinox“ an der Klausenburger Uni, weil sich da begabte junge Rumänen sowie ungarische und deutsche Minderheitler trafen, die einerseits ehrgeizig genug waren, die Grenzen des politisch Möglichen beziehungsweise Erlaubten zu erkunden, waren sie gerade als solche andererseits gewinnversprechend für die Zwecke der Securitate einsetzbar, sofern man sie dazu brachte, mitzuarbeiten.

Die gängigen Methoden, vor allem junge Leute zu rekrutieren, waren auch in den 1970er Jahren nach dem Muster der Stalinzeit gestrickt, wie im übrigen trotz aller „Reformierung“ durch Ceausescu, das ganze sicherheitspolitische System nach wie vor auf den von Stalin gestifteten Überlieferungen beruhte. Ceausescus emphatisch verkündeter Entstalinisierungsansatz ließe sich in einem Satz so zusammenfassen, dass fürderhin nicht mehr Straftaten grausam bestraft, sondern prophylaktisch mit aller nötigen Gewalt verhindert werden sollten. Der Unterschied war wohl im Wesentlichen, dass es ab nun weniger zu Tode Geprügelte und dafür mehr zu Tode Geängstigte gab. Von zentraler Wichtigkeit war aber vor allem die unbedingte Konspirativität jeden Schrittes, den die Securitate unternahm.

Für die Einschätzung dessen, was die Dokumente in den Opferakten über die Verfasser der relevanten Berichte aussagen, ist im Falle der informellen Mitarbeiter ganz entscheidend, ob es sich um ein authentisches (handschriftliches) Produkt des IMs handelt oder um eine vom Führungsoffizier ins Securistische übersetzte, d.h. rücksichtslos auf eine bestimmte Wirkung zugerichtete Version handelt. Zu den Texten der Aktionsgruppe Banat wurden meistens mehrfach Interpretationsaufträge vergeben, so dass der Offizier sich aus jedem Deutungsversuch das auswählen konnte, was ihm am überzeugendsten im Sinne der Anklage erschien.

Ehe keine Kopie der (handschriftlichen?) Originalberichte von Werner Söllner vorliegt, lässt sich nicht darüber urteilen, ob er jemandem zum Schaden oder (wie offenbar im Fall des Klausenburger Germanisten Michael Markel) zu dessen Gunsten berichtet hat.

Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass er ein Spitzel war, also jemanden im Sinne der Securitate-Vorgaben ausgehorcht hat, oder gar um eigener Vorteile willen der Behörde von sich aus Böses, das „Opfer“ schädigende Informationen gemeldet hat,. Diese Sorte IMs ist in den Akten massiv vertreten, ja es lassen sich da noch einmal Abstufungen der Verwerflichkeit beobachten.

Bei aller nötigen Deutlichkeit der Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Nichttätern wäre es eine unerträgliche Verwischung des tatsächlichen moralischen Reliefs der beteiligten Menschenlandschaft und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn die übelsten Schurken unerkannt und ungeschoren davonkommen und einer, der sich mit seiner Schuld spät aber doch dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt, quasi auch für die größten Schweine büßen muss. Die wichtige Frage, warum Werner Söllner sich nicht längst, am besten unmittelbar nach seiner Ankunft im Westen, sein Problem von der Seele geredet hat, wäre aber auch dann noch schlüssig zu beantworten. Das muss nun er selber tun.

Gerhardt Csejka, 1945 im rumänischen Guttenbrunn geboren, lebt als Übersetzer und Essayist in Frankfurt am Main. In den siebziger Jahren stand er als Redakteur der deutschsprachigen Bukarester Literaturzeitschrift „Neue Literatur“ der Aktionsgruppe Banat um Richard Wagner und Rolf Bossert nahe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar