Bundesjugendorchester in Berlin : Wie ein teures Rennpferd

Das Bundesjugendorchester unter Sebastian Weigle schafft filigrane Hörerlebnisse in der Philharmonie.

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Sie sind die Elite. Mitglieder des Bundesjugendorchesters.
Sie sind die Elite. Mitglieder des Bundesjugendorchesters.Foto: BJO/Promo

Das also ist die junge Musiker-Elite. Auf Einladung der Berliner Philharmoniker höchstselbst spielt in der Philharmonie das Bundesjugendorchester (BJO) unter Sebastian Weigle, und schon der Anblick dieses Orchesters zeigt, wie geschlossen das Milieu der Klassischen Musik noch immer ist. Kaum wagt man zum Beispiel jenen Gerüchten Glauben zu schenken, nach denen diese wohlfrisierten jungen Mädchen und sehr anständig aussehenden Jungen zwischen 14 und 19 Jahren während der Probephasen auch einmal Rauchwerk oder Alkoholika zu sich nehmen. Richtigstellende Leserbriefe bitte an die Redaktion. Und bis dahin sei hinzugefügt, dass es sich außerdem schlecht übt, wenn man neben der Schule viele Stunden in den sogenannten sozialen Medien verbringt wie homo sapiens adolescens normalerweise. Geübt haben aber müssen diese jungen Menschen, sogar sehr viel, sonst gäbe es nämlich keine so beglückend filigranen Hörerlebnisse wie an diesem Abend.

Größtes Selbstbewusstsein, brillanter Ton

Von Anfang an macht das Orchester den Eindruck, ein sehr teures Rennpferd zu sein, unter dessen schimmerndem Äußeren größte Kräfte bereit sind auszubrechen, Kräfte, die Weigle nun mit geschickter Hand und einer angenehmen körperlichen Präsenz zu bündeln weiß. Bereits der Anfang des „Dreispitz“ von Manuel de Falla mit seinen Solomeldungen – des jungen Paukisten (mit größtem Selbstbewusstsein), des jungen Trompeters (mit brillantem Ton) – fasziniert durch Tempo, Nervosität und hohe Erregbarkeit. Offenbar ist dem BJO daran gelegen, das Thema „Textur“ zu bearbeiten und sich dabei keineswegs zu unterfordern; neben den „Dreispitz“ treten Richard Strauss’ 1897 entstandene „Fantastische Variationen“ über den „Don Quixote“, eine komplexe, noch heute rätselhaft anmutende Musik, ob ihres Einfallsreichtums und der vielen unerwartet platzierten Timbres. Der philharmonische Solocellist Ludwig Quandt als Don Quixote setzt seine große Gabe ein, genau im Augenblick zu musizieren (nicht davor, nicht danach, nicht in Gedanken ganz woanders), und die junge Bratscherin Teresa Schwamm, gerade erst dem BJO-Alter entwachsen, spielt die Partie des Sancho Pansa mit staunenmachender Versatilität, Eleganz, dann wieder freundlicher Kiebigkeit.

Philharmonische Überfiguren im Viererpack

Apropos Alter. Worüber sich an diesem Abend ebenfalls trefflich sinnieren lässt, ist der Weg, den die jungen Musiker und Musikerinnen einmal einschlagen werden. Wird er in Richtung der vier philharmonischen Hornisten gehen, die in Schumanns „Konzertstück für vier Hörner und Orchester“ mit unerhörter Meisterschaft an den Start gehen, Überfiguren fast, so cool, hinter ihnen fängt’s an zu schnei’n, um ein Wort von Udo Lindenberg zu verwenden? Diese vier sind sich allerdings auch nicht zu schade dafür, eine rechtschaffen albern arrangierte Zugabe zu spielen und mit diesem Vorgehen den Hauptgig des Abends zum BJBO (Bundesjugendbegleitorchester) zu degradieren. Der Wege sind viele, der Abgründe auch.

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