Kultur : Bundeswehr-Einsatz: Sie müssen sich auf alles einstellen

Robert von Rimscha

Nur für Kabul und nur nach der Entwaffnung der Bürgerkriegsmilizen: Dies waren die beiden Vorgaben, auf deren Grundlage Anfang Dezember auf dem Petersberg bei Bonn die Aufgaben der internationalen Schutztruppe festgezurrt wurden. Nun fliegt auch der deutsche Voraustrupp langsam ein. Doch beide Bedingungen der Mission sind viel weniger klar, als es auf dem Papier steht.

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Am 22. Dezember billigte der Bundestag die Entsendung von maximal 1200 Soldaten für die Sicherung des Übergangsprozesses hin zu einem demokratischeren Afghanistan. Heute nun sollen die ersten 70 Bundeswehrsoldaten und 30 Niederländer endlich ankommen, nachdem der Zwischenstopp im türkischen Trabzon wegen schlechten Wetters mehrmals verlängert werden musste.

"Bestens vorbereitet"

Als Vorauskommando haben sie vor allem die Aufgabe, die Infrastruktur für das Hauptkommando bereit zu stellen: Unterkünfte, Strom, Wasser, Essen. Laut Verteidigungsministerium sollen sie aber auch bereits Sicherungsaufgaben wahrnehmen. "Es wird zunächst ein spartanisches Leben für die Soldaten werden", sagt der Leiter des Kommandos, Brigadegeneral Claus Hubertus von Butler.

Spartanisch, improvisiert - und gefährlich. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst Bernhard Gertz, sieht dem Einsatz "mit einigen Sorgen" entgegen. Minen und kriminelle Banden, Drogenmafia und ehrgeizige Klanführer - sie alle können der Bundeswehr das Leben schwer machen. Verteidigungsminister Rudolf Scharping hat gerade darauf hingewiesen, dass auch in Kabul versprengte Al-Qaida-Kämpfer mit tragbaren Boden-Luft-Raketen oder Panzerabwehrwaffen unterwegs sein könnten. Grafik: Die Bundeswehr im Einsatz "Wir sind durch ausführliches Training bestens vorbereitet", betont von Butler. Um den Gefahren zu begegnen, ist das UN-Mandat der Friedenstruppe "robust": Nicht nur zur Selbstverteidigung, sondern auch zur Erreichung der Ziele der sechsmonatigen Mission darf Waffengewalt eingesetzt werden. Aber eben diese Mission ist es, die in vielen Details unklar bleibt. Inwieweit die Präsenz westlicher Soldaten als Symbol ausreicht, um Klan-Rivalitäten im Keim zu ersticken und der Übergangsregierung Karsai das Amtieren zu erleichtern, muss sich zeigen. Franzosen sollen den Flughafen sichern, Briten den Südteil Kabuls, die Deutschen den Nordteil. Karsai selbst hat eine Ausweitung der Zuständigkeit der Sicherheitstruppe angeregt. Doch einem solchen Projekt stehen enge Grenzen entgegen. Sollten landesweit die wichtigsten Städte und Kommunikationswege geschützt werden, bräuchte man eine Truppe in sechsstelliger Größe. Sollte die Friedenstruppe gar das leisten, was auf dem Balkan versucht wird, den umfassenden Wiederaufbau und das Schaffen staatlicher Strukturen, wären bis zu einer Million Soldaten nötig. Niemand will die stellen.

Als störende Begleitmusik der Mission wirkt die ständige Verwirrung über künftige Einsätze gegen den Terror. Erst soll Scharping gesagt haben, Militärschläge gegen Ziele in Somalia stünden bevor, und dann berichtete das ZDF, die Verlegung von ABC-Spürpanzern "Fuchs" nach Kuwait stehe bevor, offenbar als Teil eines Schlags gegen den Irak. Scharping hat dies dementiert. Nur eine gemeinsame Übung mit US-Truppen auf der arabischen Halbinsel sei seit langem geplant.

Für den Kampf gegen den Terrorismus hatte der Bundestag maximal 3900 Soldaten bereitgestellt. Die Hälfte ist auf Schiffen der Marine unterwegs ans Horn von Afrika, um Nachschub- und Fluchtwege abzuschneiden. Somalia und Jemen wären Ziele, die von dort aus erreichbar wären. Doch wer als nächstes ins Visier Washingtons gerät und ob es überhaupt ein Staat sein wird, ist ungewiss.

Auch innerhalb Afghanistans ist das Nebeneinander des Kampfes gegen den Terror ("Enduring Freedom") und der Schutztruppe ("Internationale Sicherheitshilfs-Truppe", ISAF) alles andere als unkompliziert. Das logistische Nadelöhr ist der Flughafen Bagram bei Kabul. Dort können Flugzeuge nur bei guter Sicht landen, weil elektronische Landesysteme fehlen. Das letzte Wort über die Vergabe von Start- und Landerechten haben die Amerikaner. Die ISAF wird von Großbritannien geführt. Was Washington der Friedenstruppe zur Verfügung stellt, muss sich Berlin von London zuteilen lassen.

Warten auf die Bundeswehr

Rund 80 Fahrzeuge, darunter Kleinpanzer vom Typ "Wiesel" und minengeschützte Transporter vom Typ "Dingo", sollen den Soldaten in Kürze nach Afghanistan folgen. Zwei ukrainische Antonow-Flugzeuge sollen das Material nach Kabul bringen. Doch auch hier gibt es eine Verzögerung. Die Antonows stehen im aserbaidschanischen Baku fest, da sie auf die Entladung durch die Bundeswehr in Kabul warten müssen. Sieben Flüge sind geplant. Die Entladung dauert vier Stunden und kann nur direkt auf der Landebahn erfolgen. Die durch den ungeplant langen Zwischenstopp der Soldaten im türkischen Trapzon entstehenden Kosten sind laut Verteidigungsministerium geringer als jene Kosten, die das Herumstehen der Flugzeuge in Baku verursacht.

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