"Calypso" im Hamburg : Platsch!

Ein Bootsunglücksstück als Auftragswerk: Roland Schimmelpfennigs "Calypso" in Hamburg.

Katrin Ullmann

In seiner ersten Spielzeit in Hamburg wollte er Delfine fangen, die Odyssee neu erfinden und das Meer auf die Bühne kippen. Das alles hat nicht wirklich geklappt und ist fast drei Jahre her. Dennoch kommt Intendant Friedrich Schirmer von der Seefahrt nicht los, „Calypso“ ist der jüngste Beweis. Roland Schimmelpfennig hat das Bootsunglücksstück als Auftragswerk für das Schauspielhaus geschrieben, Jürgen Gosch, der mit seinem tieftraurigen „Onkel Wanja“ fürs Theatertreffen nominiert wurde, hat es uraufgeführt.

„Calypso“ heißt das Boot, mit dem Schimmelpfennigs Figuren einen nächtlichen Ausflug wagen. Doch das Boot geht unter, und kaum sind die Schiffbrüchigen an Land getropft, ertränken sie ihren Schock in Alkohol, um bald ausfällig zu werden. Der nassen Klamotten entledigt, stehen sie in weiße Handtücher gewickelt am vorderen Bühnenrand. Hintern ihnen liegt der Unglückssee, ein mit Wasser gefülltes Bassin (Ausstattung: Johannes Schütz). Der Rest des hoch ästhetischen Bühnenbildes ist – bis auf ein helles Holzpodest und ein paar Stühle – leer.

Während das Wasser seine kräuselnde Oberfläche still und schön an die Rückwand reflektiert, reden die Figuren über Sex und Betrug, Alter und Jugend, Leben und Tod. Sie reden aneinander vorbei, plappern und philosophieren, trinken und brüllen, provozieren und denunzieren sich: Mehr passiert nicht. Und doch dauert der Abend zweieinhalb Stunden.

Alles ist reichlich Klischee. Da sind Marion und Gunter, die prolligen, fettleibigen Gastgeber samt Christian (Sören Wunderlich), dem schüchtern verklemmten Sohn aus erster Ehe. Bei ihnen zu Besuch und ins Bootsunglück verwickelt sind das nervöse Ärzteehepaar Susanne und Erich mit Tochter Tanja.

Die neureiche Marion protzt mit allem, was sie hat: mit ihrer Villa, ihrem Lebensgefährten, ihrem verstorbenen Ex, ihren Rundungen und ihrem Weinvorrat. Mit Marion Breckwoldt ist diese Figur vielleicht zu gut besetzt. Das erste Drittel des Abends nimmt Breckwoldt raumgreifend und vulgär, brüllend und hysterisierend komplett für sich in Anspruch. Sie ist die erste, die sich die nassen Klamotten vom Leib reißt, lang bevor ihr devoter Gunter (Markus John) schützende Handtücher angeschleppt hat. Susanne und Erich (Ute Hannig, Klaus Rodewald) sind ein larmoyantes Akademikergespann. Mit allergischen Reaktionen buhlt ihre Tochter um Aufmerksamkeit. Wenn Marie Leuenberger fröstelnd in der Ecke hockt, während ihre betrunkene Mutter die Handtasche nach Aspirin durchsucht, ist das der einzige berührende Moment der Aufführung.

„Calypso“ erzählt von Seelenstrips und Gesellschaftsneurosen, die Jürgen Gosch überdreht und grell in Szene setzt. Doch so sehr sich die Schauspieler bemühen, Schimmelpfennigs Text bleibt schlecht pointierter, matter Boulevard. Der Abend versprüht unglaublich viel Wasser, Hektik und Alkohol, ist aber für einen Skandal zu belanglos, für eine launige Komödie allzu geschwätzig. Katrin Ullmann

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