Cannes : Dreißig Sekunden roter Teppich

Im Wettbewerb von Cannes wird voraussichtlich kein deutscher Film zu sehen sein. Dennoch hätte es Wichtiges zu berichten geben - hätte.

Über diverse internationale Presse- und Bild-Agenturen konnte man am Donnerstag nichts über das Festivalprogramm von Cannes erfahren. Sie boykottierten die Pressekonferenz, um gegen Einschränkungen bei der Verbreitung von Videomaterial zu protestieren. Der Exklusivvertrag mit dem französischen Bezahlsender Canal+ und der France-Télécom-Tochter Orange erlaube anderen Anbietern in diesem Jahr nur zwei Minuten Videomaterial täglich, und nur dreißig Sekunden von Pressekonferenzen und Rotem Teppich, lautet der Vorwurf. „Die Verhandlungen laufen. Es ist nichts entschieden“, sagte der künstlerische Leiter, Thierry Frémaux dazu in Paris.

Dabei hätte es durchaus Wichtiges zu berichten gegeben. Unter den bislang bekannt gegebenen 16 Wettbewerbsfilmen sind Altmeister wie Abbas Kiarostami („Copie Conforme“), Nikita Mikhalkov, der seine Fortsetzung von „Die Sonne, die uns täuscht“ zeigt, Bertrand Tavernier („La Princesse de Montpensier“), Takeshi Kitano („Outrage“) und Mike Leigh („Another Year“). Stark vertreten auch Regisseure, die in Cannes entdeckt worden sind: Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul („Tropical Malady“) kehrt mit „Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives“ zurück. Der Mexikaner Alejandro González Inárritu, der 2000 mit „Amores Perros“ in Cannes zwei Goldene Palmen holte, zeigt „Biutiful“. Rachid Bouchareb, der 2008 in der Jury saß und auf der Berlinale 2009 „London River“ zeigte, ist mit „Hors la loi“ dabei. Und erstmals ein Film aus dem Tschad, Mahamat-Saleh Harouns „Un homme qui crie“.

Deutschland hat es nach jetzigem Stand der Dinge erneut nicht in den Wettbewerb geschafft, auch wenn der ukrainische Beitrag von Sergei Loznitsa, „You. My Joy“, von Deutschland koproduziert ist. Christoph Hochhäusler, der schon mit „Falscher Bekenner“ 2005 in der Nebenreihe „Un Certain Regard“ lief, zeigt seinen Frankfurt-Film „Unter dir die Stadt“ mit Nicolette Krebitz, Mark Waschke und Robert Hunger-Bühler in dieser Reihe. Auch der Rumäne Cristi Puiu, der für „Der Tod des Herrn Lazarescu“ 2005 den Preis der Nebenreihe erhielt, bleibt mit „Aurora“ dem „Certain Regard“ treu. Jean-Luc Godard zeigt hier seinen „Film Socialisme“.

Außer Konkurrenz läuft der neue, in London gedrehte Film von Woody Allen „You will Meet A Tall Dark Stranger“ mit Antonio Banderas und Anthony Hopkins, der neue Stephen Frears, „Tamara Drewe“, und Oliver Stones Börsendrama „Wall Street – Money Never Sleeps“. Erstmals seit mehreren Jahren ist die Zahl der eingereichten Langfilme leicht zurückgegangen. Diese Abnahme sei auf die Krise zurückzuführen, die das Festival erstmals zu spüren bekäme, sagte der künstlerische Leiter Thierry Frémaux. Was man auch daran sieht, dass es nur ein US-amerikanischer Film in den Wettbewerb geschafft hat: Doug Limans „Fair Game“ mit Naomi Watts und Sean Penn.

Eröffnet wird das Festival, wie schon gemeldet, am 12. Mai mit Ridley Scotts „Robin Hood“, mit Russell Crowe und Cate Blanchett in den Hauptrollen. Die Jury vereint unter dem Vorsitz von Tim Burton die Schauspieler Kate Beckinsale, Giovanna Mezzogiorno und Benicio del Toro, die Regisseure Victor Erice und Shakhar Kapur, den Drehbuchautor Emmanuel Carrière und Alberto Barbera, den Direktor des italienischen Filmmuseums. til

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