Carl Heinrich Graun : Galanterie in Sanssouci

Friedrichs Virtuose: Zum 250. Todestag des preußischen Hofkomponisten Carl Heinrich Graun.

Carsten Niemann
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Im Duett. Graun mit seiner Gattin, Gemälde von Antoine Pesne, um 1735. -Foto: Akg-images

Das musikalische Jubiläumsjahr 2009 ist zwar noch nicht zu Ende, doch schon jetzt scheint sich abzuzeichnen: Der Verlierer beim Kampf um den Titel „Klassiker des Jahres“ wird ein Berliner sein. Und noch ein geborenes Brandenburger Landeskind dazu. Dass ihn Johann Sebastian Bach ausdrücklich schätzte, dass sich Händel Melodien von ihm borgte, dass er die Staatsoper Unter den Linden einweihte und dass man sein bekanntestes Werk bis tief ins 19. Jahrhundert spielte – es hat ihm wenig genutzt: Carl Heinrich Graun, gefeierter Hofkapellmeister Friedrichs des Großen und Galionsfigur der musikalischen Berliner Klassik ist dem breiten Publikum heute nahezu unbekannt.

Nun ist zwar nicht unbedingt zu bedauern, dass keine Donna Leon seinen Namen von den Dächern kräht (wie im Fall von Händel), dass kein Preußenfan eine tümelnde Biografie über ihn verfassen will und dass keine Berliner Konditorei ihre Törtchen nach ihm benennt. Trotzdem zeigt sich Berlin erstaunlich uninteressiert an einem Komponisten, dessen Werk in seinem künstlerischen Rang sicher nicht hinter dem des Stadtschlosses zurücksteht. Die meisten Jubiläumsveranstaltungen für Graun finden im Lande Brandenburg statt. Das ehemals kursächsische Städtchen Wahrenbrück, in dem Graun 1703 oder ’04 geboren wird, gehört heute zum Elbe-Elster-Kreis. 1714 folgt das musikalische Wunderkind seinem Bruder Johann Gottlieb (der ebenfalls am Hofe Friedrichs II. Karriere machen wird) an die Dresdner Kreuzschule. Hier bildet er nicht nur seine bemerkenswerte Stimme weiter, sondern lernt auch das Kompositionshandwerk.

Mit seinem phänomenalen Gedächtnis saugt er alles auf, was er von der Musik am Hofe Augusts des Starken erhaschen kann: Die Festoper zur Hochzeit des Thronfolgers schreibt er nach dreimaligem Anhören auswendig nieder. Wie sein späterer großer Antipode, der Dresdener Hofkapellmeister Johann Adolph Hasse, nutzt auch Graun eine Anstellung am Braunschweig-Wolfenbütteler Hof als Karrieresprungbrett. Bald hat Graun mit seinem frischen, galanten Ton den genialischen, aber an der hochbarocken Sprache Bachs und Händels orientierten Hofkapellmeister Schürmann verdrängt.

Die Chance seines Lebens bekommt Graun, als er den heiklen Auftrag erhält, die Festoper zur Hochzeit Friedrichs des Großen mit der Braunschweiger Prinzessin Elisabeth Christine zu schreiben. Es wird ein voller Erfolg, denn der misogyne Friedrich verliebt sich augenblicklich – in die Musik von Graun. Drei Jahre später folgt dieser dem Kronprinzen nach Ruppin, ein Jahr später nach Rheinsberg. Als Sänger und Komponist kleiner dramatischer Kantaten träumt er die Opernträume des musikalischen Kronprinzen mit. Er organisiert die Kapelle, gibt seinen Kollegen und wohl auch dem Kronprinzen selber Kompositionsunterricht. Unmittelbar nach Friedrichs Thronbesteigung im Jahr 1740 wird er zum königlichen Hofkapellmeister ernannt. Noch bevor die Lindenoper errichtet ist, komponiert er „Rodelinda“, seine erste abendfüllende italienische Oper. 26 weitere werden folgen.

In eifersüchtigen Abgrenzungsversuchen zum bewunderten Dresdener Hof, wo der galante Hasse Triumphe feiert, feilen Graun und sein königlicher Dienstherr an der repräsentativen Gattung: Die Ideen des Königs werden in heroische Libretti verpackt; mit Grauns wahnwitzig virtuosen Koloraturen wird dabei auch mancher Pfeil gegen politische Gegner oder die Kirche geschleudert. Vorsichtig reformiert Graun die Gattung: Man experimentiert mit mythologischen und phantastischen Stoffen, verknappt Arienformen, wertet die Rolle der Heldenmütter auf und lässt sogar tragische Opernschlüsse zu. Mit dem siebenjährigen Krieg endet das goldene Zeitalter des galanten musikalischen Berlin: Der Opernbetrieb kommt zu erliegen. Am 8. August 1759 stirbt Graun nach kurzer heftiger Krankheit. Wenige Tage später erlebt Friedrich bei der Schlacht von Kunersdorf die schlimmste Niederlage seines Lebens und denkt an Selbstmord.

Dem für Preußen unverhofft glimpflichen Ausgang des Krieges hat Graun ein zweites Leben als Preußischer Klassiker zu verdanken: Entgegen der üblichen Praxis verschwinden seine Opern nicht vom Spielplan, sondern wandern auf königlichen Befehl ins Repertoire. Gleichzeitig beginnt das Bürgertum, Grauns geistliche Kompositionen zu pflegen. Was den Londonern ihr Messias, das wird den Berlinern ihr „Tod Jesu“: Bis tief ins 19. Jahrhundert wird das 1755 entstandene, wegen seiner schlichten, rührenden Erhabenheit gepriesene Werk hier aufgeführt. Der Name Grauns sei den Berlinern „zu heilig“, lästert der englische Musikreisende Charles Burney 1772, „und wird mehr darauf geschworen als auf Luther und Calvin“.

Anfang des 20. Jahrhundert hat Graun ausgedient. Friedrichs Flötenlehrer Quantz mochte man noch für die soldatische Treue bewundern, mit der seinem Herrn ein altväterisches Flötenkonzert nach dem anderen auf das Pult legte. Der sanfte, rührende, galante Herzensbezwinger Graun aber passte ebenso wenig in das entstehende zackige Preußenbild wie der im Hintergrund wirkende, bescheidene lautenspielende Ehemann, als den sich der Komponist auf dem Gemeinschaftsportrait mit seiner Frau von Hofmaler Antoine Pesne abbilden ließ.

Doch auch vom Boom der Barockmusik in den letzten Jahrzehnten hat Graun zunächst kaum profitiert. Kein Wunder: Wer seinen ebenso melodieorientierten wie hoch virtuosen Stil meistern will, darf nicht einfach die bei einem Barockmeister wie Händel oder einem Wiener Klassiker wie Haydn erprobten Rezepte anwenden. Vielmehr gilt es, eine Balance zwischen barockem repräsentativen Affekt und individueller galanter Empfindsamkeit herzustellen. Die Glücksmomente, in denen das gelang, sind noch zu selten. Immerhin: Der Riesenerfolg der Produktion von Grauns „Cleopatra e Cesare“ an der Staatsoper Unter den Linden 1992, die Nachhaltigkeit, mit der sich das erst 1999 wiederentdeckte Weihnachtsoratorium durchsetzt und nicht zuletzt die mustergültigen Ersteinspielung, die Hermann Max jüngst von der „Großen Passion“ vorgelegt hat, deuten in eine durchaus aufregende Zukunft des ersten Berliner Klassikers. Man sollte sie nur nicht verpassen.

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