Kultur : Castor-Transport: Im Anmarsch - Die Atomgegner formieren sich

Reimar Paul

Der Tankwart weiß, was Castor-Gegnern und Polizisten schmeckt. "Bockwurst, Pommes und belegte Brötchen gehen wirklich sehr gut", berichtet der Pächter der Esso-Tankstelle samt Shop am Ortsausgang von Dannenberg. Auch Kekse, Bonbons und Mineralwasser würden viel gekauft. Die Paletten mit den Halbliter-Bierdosen zu 99 Pfennig dagegen stehen unangetastet im Verkaufsraum. Polizei- und Grenzschutzbeamte dürfen im Dienst ohnehin keinen Alkohol trinken, und die Atomgegner haben sich während der heißen Phase des Castor-Transports ebenfalls weitgehende Abstinenz verordnet. Gegenüber der Tankstelle, auf einer städtischen Wiese, hat die Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ihr Hauptquartier aufgeschlagen.

Der Platz liegt günstig. Zur Verladestation, wo die sechs Atommüllbehälter aus La Hague voraussichtlich am Dienstag oder Mittwoch von Eisenbahnwaggons auf Lastwagen verfrachtet werden, ist es von hier nur ein Katzensprung. An ihrem Infotisch verkauft die BI Bücher und Broschüren, Anstecker und Aufkleber, T-Shirts und ein klappbares "Demo-X" für 12 Mark 50. Fotokopien von Landkarten des Wendlandes und Flugblätter gibt es umsonst. Gleich daneben an einer Pinnwand aus Holz hängen aktuelle Zeitungsartikel, Pressemeldungen, Leserbriefe und Grußadressen aus ganz Deutschland. Der aktuelle Terminkalender kündigte allein für Montag Mahnwachen an den Bahnübergängen, eine Schüler-, eine Skater- und eine Fahrraddemo sowie für den Abend eine "Sandsackaktion" an. Zahlreiche Helfer hatten in den vergangenen Wochen fast 20 000 Säcke gefüllt, die nun zu einem "Strahlenschutzwall" gegen die Castoren aufgetürmt werden sollen. Außerdem wird auf eine "öffentliche Fraktionssitzung der Landtagsgrünen unter freiem Himmel" hingewiesen. Bei den "Mahnwachen" kommt es am Nachmittag zu Auseinandersetzungen. Mehr als 150 Personen werden in Gewahrsam genommen, weil sie Schienen beschädigt haben sollen. Gegen eine Gleisblockade der Initiative "x-tausendmal quer" bei Wendisch-Evern geht die Polizei zunächst nicht vor.

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Voraussichtliche Route des Castor-Transports

In einem mit ISDN-Anschluss ausgerüsteten Bauwagen auf der "Esso-Wiese" residiert die Pressegruppe der BI. Pausenlos fiepen Handys, ein Faxgerät rattert, ein Drucker spuckt Agenturmeldungen aus. "Journalisten aus aller Welt rufen hier an", sagt eine Aktivistin zwischen zwei Telefonaten. Mehrmals in der Stunde bringt die Initiative ihren eigenen Internet-Ticker auf den neusten Stand und stellt neue aktuelle Meldungen und Ankündigungen ins Netz.

Als Weisungs- oder gar Befehlszentrale für die Castor-Gegner im Wendland versteht sich die BI nicht. "Wir informieren, koordinieren und wenn es sein muss, vermitteln wir auch", so die Sprecherin. Für die unterschiedlichen Protestaktionen auf Straße und Schiene seien die Gruppen und Organisationen jedoch selbst verantwortlich.

Seit der "Stunkparade" vom Sonntag steht auch ein Dutzend Traktoren auf der Wiese. Die Transparente an den Fahrerkabinen nehmen insbesondere die Grünen aufs Korn. "Trittin in die Tonne", heißt es auf einem Spruchband. Auf einem Anhänger lehnen sich Strohpuppen mit Fischer- und Trittin-Masken spöttisch lächelnd an einen Berg aus Atommüllfässern.

Der Bundesumweltminister ist bei den vielen Leuten im Wendland innerhalb weniger Monate vom potenziell Verbündeten zum Feindbild Nummer Eins mutiert. Zuerst der Kompromiss zum Atomausstieg, der nach Ansicht der Atomgegner gar keiner ist, sondern die Nutzung der Kernkraft auf Jahrzehnte festschreibt. Dann der Aufruf an die Parteibasis, die Anti-Castor-Proteste nicht zu unterstützen, da der Atommülltransport aus Frankreich unabweisbar und eine moralische Verpflichtung sei. Das müsse man doch, ereifert sich ein junger Mann in einer Diskussionsrunde am BI-Infotisch, als "Verrat" bezeichnen. Wenn Trittin jetzt wegen der schlechten Ergebnisse der Grünen bei den Landtagswahlen zum Rücktritt gezwungen werde, "dann habe ich jedenfalls kein Mitleid mit ihm". Die Umstehenden nicken.

Der Dannenberger CDU-Bundestagsabgeordnete Kurt-Dieter Grill nimmt Trittin von anderer Seite aufs Korn. Über Jahre habe der Grüne Ängste vor den Transporten geschürt, jetzt verteidige er sie. Eine Erklärung für des Ministers Meinungswandel hat Grill auch parat: "Solange die Atomtransporte Trittin nützlich waren, an die Macht zu gelangen, unterstützte er die Proteste in Gorleben. Heute stören sie seine Politik und gefährden seine Stellung als Umweltminister." Im Gegensatz zu seinen Vorgängern Merkel und Töpfer stelle sich Trittin nicht einmal mehr dem Dialog mit den Bürgern im Wendland.

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