CD-Edition : Hier spricht der Künstler

Das Diskursverbot Goethe’scher Prägung, "Bilde, Künstler, rede nicht!", mag häufig missverstanden worden sein. Nun aber hat es sich in sein Gegenteil verkehrt. Eine CD-Edition mit Künstlergesprächen von Otto Dix, Kippenberger und den Chapmans ist erschienen.

Hendrik Feindt
331990_0_d9b725d8.jpg
Zwischen Sehnsucht und Sättigung. Martin Kippenberger in seiner Ausstellung "Lieber Maler, male mir", Köln 1991. -Foto: akg

Vorbei die Zeiten, als die Argumente gegen das Reden und Erzählen der Künstler noch verfingen. Künstlergespräche, auch Artist Talks geheißen, sind zu begehrten Veranstaltungen von Galerien und Museen geworden. Mittlerweile wird die akustische Selbstpräsentation von Malern und Bildhauern, von Objekt- und Installationskünstlern nicht nur für Kunsthistoriker konserviert, man kann sie auf CDs auch erwerben.

Zum Beispiel die bislang vier Produktionen des Labels „Brigade Commerz – Audio Arts Archives“. Im Fall von Otto Dix beruhen sie überwiegend auf Rundfunkinterviews der 60er Jahre. Bei Martin Kippenberger sind aus den frühen 90ern mehr zufällige denn systematische Mitschnitte von Gesprächsfetzen aus Kneipen und Zugrestaurants zu hören. Aus der allerjüngsten Zeit stammen Fragmente von Vorträgen und Statements, die eigens aufgezeichnet wurden: Liam Gillick im Hamburger Bahnhof und im Berliner Hotelzimmer sowie Jake & Dinos Chapman während des Aufbaus einer Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft in Hannover.

Was wird da gewonnen, bildnerisch und biografisch, aus der Praxis und für die Bildtheorie? Lapidare Antwort: der Ton. Weniger zählt hier der Inhalt der Aussagen, ob Anekdote oder Bericht, ob Palavern oder Dozieren. Sondern beredt ist der Tonfall, in dem sich die Künstler äußern. Zwar ist das Erzählen vom Krieg – „die Herbstschlachten in der Champagne, überall wurde dort gezeichnet“ – dem Wissen über Otto Dix zuträglich. Die überlieferten Briefe und Schriften sind rar. Zwar beschreibt die Utopie auch die Befindlichkeit zwischen Sehnsucht und Sättigung – „’s gibt keinen Existenzkampf mehr, ’s gibt nur noch dicke Freude, dicke Eierkuchen“ –, die Martin Kippenberger zunehmend umgetrieben hat. Auch die Präferenz der Angewandten vor den Freien Künsten, die Liam Gillick propagiert – „I always used to say that I was more interested in Anni Albers than Joseph Albers“ –, stellt einen exemplarischen Fall für die Allgegenwart von Anwendungen, von applications in der zeitgenössischen Kunst dar. Und das Bildwerden von Moral und von Ethik, das den Chapman-Brüdern konstitutiv erscheint – „morality is a plastic thing“ –, umreißt eine Position, die problematische Züge annehmen kann.

Aber mehr noch sind es die Stimmen und die Intonation, die das künstlerische Selbstverständnis zu Gehör bringen. Da kommen einem die Sätze von Otto Dix stoßweise entgegen. Als wäre jeder von ihnen ein akustisches Zeichen, das davon kündet, wie sehr den Fronten der Avantgarde der „Kampf um die Existenz“ abgerungen wurde. Martin Kippenbergers Diktion dagegen scheint bereits in einem Niemandsland eingetroffen: Sein Nuscheln ist so undeutlich (auch deren Aufnahmequalität), als überlagerten sich die Wellen einer vordergründigen Heiterkeit mit denen einer bisweilen verletzenden Gleichgültigkeit.

Messerscharf die Rede der Gegenwartskünstler. Um einen Halbton erhöht ist ihre Artikulation. Ob erst das Intervall, das aus steter Anspannung resultiert, die Sprache zur Präzisionswaffe macht? Kunst sei schließlich Diskurs. Und Diskurs ist eine Frage der Macht. Chapman, Gillick und ihre Zeitgenossen haben Michel Foucault verinnerlicht.

Dass sich dem Hörer wiederholt Assoziationen aus dem Militärwesen aufdrängen, ist nicht zuletzt den Herausgebern des Labels geschuldet. Ihr Name „Brigade Commerz“ bringt zusammen, was sie auf ihrer Homepage als Widerspruch darstellen: die Hinwendung zur profitorientierten Warenwelt und das Bekenntnis zu militärischer, planwirtschaftlicher Dimension. Immerhin wurde einer von ihnen, Oliver Hutmacher, mit einer Arbeit über die Führungskonzeption der quasi nach-axialen Streitkräfte Deutschlands und Italiens promoviert. Und ein zweiter, Robert Eikmeyer, hat eine Sammlung von kunst- und kulturpolitischen Reden Adolf Hitlers publiziert (bei Revolver, Archiv für aktuelle Kunst, 2004).

Da mag einem, aus dem Munde Kippenbergers, die noch von streng religiöser Erziehung geprägte Annahme „In der Hölle, da is’ ja auch Hitler“ als bewusster Ausdruck einer nonchalanten Naivität erscheinen. Warum aber kommt es in den Aufnahmen von Dix jedes Mal zu einem Auflachen, wenn er von Nazis berichtet, die ihn der Akademie verwiesen, und von der Gestapo berichtet, die ihn abholen ließ? Warum ist er 1966 so verlegen bei der Äußerung „Beinah jeder war Nazi, und hinterher war’s keiner gewesen“? Allein die Andeutung von kollektiver Schuld galt wohl als Tabu. 20 Jahre nach dem Ende des NS-Staates machten historische Verfolgung und Vernichtung im eigenen Land betroffen. Heute reagiert man anders darauf, jedenfalls die auf den CDs zu vernehmenden Angelsachsen: mit den Mitteln der Groteske, der Überzeichnung. Für Liam Gillick ist Pot einer der „great architects of genocide“. Und Hitler, so Jake & Dinos Chapman, sei „very good in genocide“. Das moralische Urteil wird pervertiert.

Der Autor der nächsten geplanten CD, Jonathan Meese, hat das Zeug, sich dieser Tonlage anzuschließen, womöglich im ihm vertrauten Register einer Pseudo-, Vulgo- oder Anti-Tirade.

Otto Dix: „Ich folge lieber meinem Dämon.“ Martin Kippenberger: „I was born under a wand’rin’ star.“ Liam Gillick: „An Idea Just Out of Reach.“ Jake & Dinos Chapman: „From Hell To Hell.“ Die Audio-CDs („Brigade Commerz – Audio Arts Archives“) sind im Nürnberger Verlag für moderne Kunst für je 19,80 Euro erhältlich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben