Kultur : CDU-Kanzlerkandidatur: "Sie sollte sich auf die Partei beschränken"

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Erwin Scheuch (73) lehrt Soziologie an der Universität Köln und war 28 Jahre lang Direktor des Instituts für angewandte Sozialforschung.

Kann eine Parteichefin, die solche Wirren in den eigenen Reihen erlebt hat, dies heil überstehen? Oder ist ihre Autorität unwiederbringlich beschädigt?

Die Autorität von Angela Merkel ist beschädigt. Darum würde sie gut daran tun, sich nun auf ihr Amt als Parteichefin zu beschränken und die eher öffentlich-politischen Funktionen einer anderen Person zu überlassen.

Welcher anderen Person?

Vier sind im Spiel. Merz ist genauso wie Merkel beschädigt. Am ehesten könnte Herr Stoiber die Kanzlerkandidatur übernehmen. Der nächste Hoffnungsträger wäre Herr Koch. Doch der passt erst in die politische Landschaft, wenn die stärker als heute polarisiert ist. Dazu müsste Schröder mit seiner Politik eindeutiger nach links gehen. Diesen Gefallen wird er der Union nicht tun.

Und Wolfgang Schäuble?

Schäuble ist für die CDU kein Hoffnungsträger. Dazu ist er zu sehr in die Spendenkrise verwickelt. Und so ist mit ihm der CDU ein Neuanfang verwehrt.

Helmut Kohl war als Kanzlerkandidat in CDU-Oppositionszeiten auch umstritten und hatte dauernd mit Franz Josef Strauß zu kämpfen. Was unterscheidet Helmut Kohls Situation damals von der von Frau Merkel heute?

Die Union ließ Strauß 1980 kandidieren, weil sie glaubte, die Wahl sei nicht zu gewinnen. Damit hatte man ihn aus dem Wege geräumt und konnte in Ruhe einen anderen Kandidaten, nämlich Helmut Kohl, aufbauen. Insofern ist die Situation recht ähnlich zu heute. Denn sowohl Herr Stoiber wie auch Herr Koch zweifeln, ob die nächste Bundestagswahl zu gewinnen ist. Insofern würden sie Frau Merkel lieber die Kanzlerkandidatur überlassen, um einer Beschädigung der eigenen Person zu entgehen.

Frau Merkel könnte den Spieß umdrehen und sagen, in der Partei wird gegen mich intrigiert. Bitte Roland Koch, oder bitte Edmund Stoiber, übernehmen Sie?

Dann wären die beiden in der Tat in einer Zwickmühle. Andererseits ist aus heutiger Perspektive nicht gesagt, ob die Bundestagswahl 2002 für die Union wirklich nicht zu gewinnen ist.

Wieso funktioniert eine Partei nur, wenn eine starke Autorität an der Spitze steht?

Weil es keine großen programmatischen und inhaltlichen Unterschiede mehr gibt. Darum werden die Wahlen eher personalisiert. Frau Merkel bemüht sich zwar, inhaltliche Konturen zu gewinnen, indem sie auf eine neue soziale Marktwirtschaft setzt. Doch die Begeisterung in der Union, sich mit inhaltlichen Fragen zu beschäftigen, hält sich sehr in Grenzen.

Was sind die Stärken und die Schwächen von Frau Merkel?

In ihrem Auftreten wirkt sie nicht überzeugend. Sie macht eher den Eindruck einer Zuarbeiterin als den einer Führungsperson. Im Verhältnis zu Helmut Kohl hat sie nicht entschieden genug die Nabelschnur durchgetrennt. Das ist auch schwierig, denn die Partei ist vor allem in der mittleren Ebene immer noch stark von Kohlianern durchsetzt. Sie hat es versäumt, im ersten Jahr ihrer Amtszeit in der mittleren Ebene ein anderes Personal durchzusetzen. Das kann sie nun nicht mehr, diese Chance ist vertan.

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