• Cecilia Bartoli und Rolando Villázon in der Philharmonie: Viel Liebe liegt in der Luft

Cecilia Bartoli und Rolando Villázon in der Philharmonie : Viel Liebe liegt in der Luft

Da wogt der Tüll und klingen die Schellenkränze: Cecilia Bartoli und Rolando Villazón geben sich ein Stelldichein in der Berliner Philharmonie.

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Auf 180: Rolando Villazón und Cecilia Bartoli
Auf 180: Rolando Villazón und Cecilia BartoliFoto: Douglas Kirkland for Zeiss Art Calendar 2015

Sie ist ein Wirbelwind und er ein Orkan – da liegt die Vermutung nahe, dass es bei einem gemeinsamen Auftritt von Cecilia Bartoli und Rolando Villazón zu Verwüstungen kommen könnte. Als am Dienstag gegen 22.40 Uhr die dritte Zugabe erklingt, hängen aber noch alle Schallsegel, sind weder Scheinwerfer noch Lautsprecher vom Plafond der Philharmonie niedergegangen. Nur das Publikum im ausverkauften Saal ist total aus dem Häuschen. Berauscht von einem Abend, der irreführend in der Konzertreihe „Originalklang“ annonciert war. Originellklang wäre wohl passender gewesen.
Denn was die italienische Mezzosopranistin und der Tenor aus Mexiko da veranstalten, ist in jeder Hinsicht extravagant. Selten liegt in Hans Scharouns heiliger Halle so viel Liebe in der Luft, selten ist an diesem Ort der orchestralen Klassikpflege derartiges Rampentheater zu erleben. Jedes Duett wird Bartoli und Villazón zur ganz großen Oper, zum vokalen Feuerwerk und, ja auch, zur Gala der Grimassen. Beide sind Meister der Mimik, leidenschaftliche Interpreten mit Hang zum Ganzkörpereinsatz.
Hinreißend, wie Cecilia Bartoli im „Là ci darem la mano“ aus „Don Giovanni“ die Schüchterne spielt, ganz ländlich-sittlich erst, um dann Takt für Takt immer mehr aufzutauen, beim Gedanken an den gesellschaftlichen Aufstieg, den ihr der Verführer verspricht. Bezaubernd gelingt der Sängerin auch die „Liebestrank“-Adina: strotzend vor Selbstbewusstsein, umweht von einem hellblauen Traum aus Tüll und Pailletten, stimmlich in absoluter Top-Verfassung. Schon wie sie zuvor das virtuose Schluss-Rondo aus der „Cenerentola“ serviert hat, ihre Paradenummer seit nunmehr fast einem Vierteljahrhundert, war schlicht umwerfend: In Sachen Verzierungskunst hat Cecilia Bartoli längst die höchste Stufe der Verfeinerung erreicht, ihr Vortrag ist perfekt ausgezirkelt bis hin zum Flirt mit dem Publikum, wenn sie ihren eigenen Trillern hinterher schaut, als wären es vorbeiflatternde Spatzen. Und dennoch vermag sie sich so strahlend natürlich über den Applaus zu freuen, als wäre sie ihr die Bravournummer gerade eben zum allerersten Mal geglückt.

Bei Rolando Villazón sieht die Sache heikler aus: Schon die frühe Mozart-Arie, mit der er beginnt, gerät ihm zu druckvoll, bei Donizettis „Una furtiva lagrima“ hat er zwei Mal Probleme im Phrasenansatz, bevor ihm dann der Spitzenton komplett wegbricht. Ausgerechnet in der Rolle des Nemorino, mit dem er doch 2006 in Berlin zum Publikumsliebling wurde!
Doch die Leute im Saal tun einfach so, als wäre alles in Ordnung – und fangen ihn tatsächlich mit ihrer Zuneigung auf. Bellinis Romanze „Torna, vezzosa Fillide“ macht Villazón eine packende melodramatische Szene, in Rossinis „Otello“ glüht er vor Eifersucht, steigert sich mit seiner Partnerin in einen elektrisierenden Belcanto-Todeskampf hinein, unterstützt von Lichteffekten und den Bartoli-Vertrauten des „Orchestra La Scintilla“.
Eine altmodische Pudrigkeit vermögen die eigentlich auf Barock spezialisierten Musiker der ersten Zugabe zu geben, der Edelschnulze „Non ti scordar di me“. Kess lassen Bartoli und Villazón dann in Rossinis „La Danza“ die Schellenkränze klingen und geben schließlich – weil der Jubel kein Ende nehmen will – noch Franz Lehárs „Lippen schweigen“ zum Besten, sie auf Italienisch, er auf Deutsch. Mille Dank, grazie schön!

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