Kultur : Cézanne in Berlin: Zum Donnerwetter, dann strahlt die Seele

Katrin Bettina Müller

Mit Stolz erinnert sich Heinz Berggruen, mit seinem ersten Cézanne ein Risiko gegen die kunsthändlerische Vernunft eingegangen zu sein. Eine halbe Million Schweizer Franken, das war für ihn Anfang der 60er Jahre eigentlich unbezahlbar. Aber "Madame Cézanne" wurde trotzdem sein, und er hat es wohl nie bereut, ihrem zurückhaltenden Blick unter dem strengen Scheitel zu begegnen, wenn er sie vom Sofa in seiner Genfer Wohnung aus ansah. Das ökonomische Risiko ist seitdem zu einer Meßlatte der Leidenschaft in der Legende des Sammlers geworden. Dabei hätte Cézanne wohl nie den Ehrentitel "Vater der Modernen" von Picasso verliehen bekommen, wären ihm nicht der Kunstmarkt und die Salonerfolge seiner Zeit ein Dorn im Auge gewesen. "Als junger Maler hoffte er fast, von der Jury des Salons abgelehnt zu werden", betont Claude Keisch, Kurator der Nationalgalerie. Das Sperren gegen die Verwertbarkeit der Kunst äußert sich noch heute in der fragmentarischen Offenheit vieler Werke. Der Künstler selbst sah ihren Zustand nicht als "endgültig" an. Ihr Konzept ist durchformuliert, aber noch stehen Farben und Pinselstriche locker nebeneinander, als hätte der Maler erst einmal seine Palette bestimmt.

Das gilt besonders für die "Flusslandschaft" (um 1904), die nun als Leihgabe aus Berliner Privatbesitz den Bestand der Sammlung Berggruen und der Staatlichen Museen ergänzt. Sie hält das Sichtbare an einer Schwelle, die sich ebenso gut zur Landschaft wie zur Abstraktion hin entwickeln könnte. Gerade das "Unvollendete" interessiert heute an Cézanne: Diese Spur verdichtete eine große Cézanne-Retrospektive in Wien und Zürich Anfang des Jahres. Aber auch die intime Berliner Sonderausstellung lässt in ihren 28 Werken die Spannung zwischen dem Endgültigen und Prozesshaften nachvollziehen.

Die offenen Formgefüge fanden sich öfter in Privatsammlungen, während die Museen eher Cézannes durchgearbeitete Bilder besaßen. Das gilt auch für die "Mühle an der Coulevre bei Pontoise", die Hugo von Tschudi 1897 für die Berliner Nationalgalerie erwarb und damit Cézanne zum ersten Mal den Weg in ein Museum ebnete. Die stille Landschaft lässt noch die Nähe zu dem befreundeten Maler Pissarro und dem Beginn der impressionistischen Auflösung spüren, aber auch schon die Beobachtung der Ordnung, die das Malen selbst hervorbringt.

Cézanne ist in der Rezeption zu einem Klassiker geworden, den man heute mehr mit Respekt denn mit Anteilnahme betrachtet. Die Aufregung, in die er Künstler wie Picasso und Rilke versetzte, die sich von ihm Ermutigung zur Schaffung kunstimmanenter Wirklichkeiten holten, ist vor seinen souverän gebauten Bildern viel weniger nachvollziehbar als etwa gegenüber van Gogh. Die großväterliche Würde seines Selbstporträts aus dem Kupferstichkabinett taucht die Vorstellung vom Künstler in einen milden Schein.

Dass einer mit so ruhigen Gesten den ungeschriebenen Vertrag über die Abbildfunktion der Kunst brach, erstaunt bis heute. Rilke seufzte, an Cézanne Maß nehmend: "Irgendwie muß auch ich dazu kommen, Dinge zu machen, nicht plastische, geschriebene Dinge - Wirklichkeiten, die aus dem Handwerk hervorgehen." Cézanne war nie vergessen. Keine noch so dürftige Kunstgeschichte lässt den "Vater der Moderne" aus. Er ist verankert im Bildgedächtnis. Wenn die Poster nach seinen Werken auch nicht ganz so gut weggehen wie Picasso und Klee, so hat die Sammlung Berggruen doch anlässlich der Sonderausstellung ihr Angebot um drei Motive erweitert. Umso mehr überrascht die Information, dass dies seit achtzig Jahren die erste Cézanne-Ausstellung in Berlin ist.

Es gab einmal viel mehr Bilder von ihm in der Stadt, in privaten Sammlungen, bevor die Nationalsozialisten jüdisches Eigentum zerschlugen, zerstreuten, verscherbelten. An die Vielfalt und den Reichtum der bürgerlichen Kultur in der Zeit davor zu erinnern, ist der Sammlung Berggruen Pflicht. Cézanne porträtierte lieber Kinder von nebenan als prominente Zeitgenossen. Damit entzog er sich Auftraggebern und betonte eine Verbundenheit der Kunst mit einem schlichten und armen Milieu.

Zwei Bilder der Ausstellung zeigen "Mädchen mit Puppen", die so reglos auf ihren Stühlen hocken, als wollten sie gar nicht da sein. Dazu überliefert der Katalog ein Zitat Cézannes: "Man malt keine Seele. Man malt Körper, und wenn die Körper gut gemalt sind, zum Donnerwetter, dann strahlt die Seele, wenn eine da ist, von überall aus." Besonders in dem älteren Kinderbild (von 1894 / 96) baute der Maler der Kinderseele ein großes Versteck. Erst, wenn keiner mehr hinsieht, wird sie wieder hervorkommen.

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