Kultur : Chanson: Tim Fischer im BKA Luftschloss

Christine Meffert

Die Haare sind ab. Doch Tim Fischer erlaubt sich nach wie vor den koketten Griff zum Nacken, als wollte er noch immer die blonde Haarwolke ordnen. Das Image der Diva hat er nicht abgestreift. Doch seine schwarzen, stoppelkurzen stehen in überraschendem Kontrast zur funkelnden Robe. Dieses Kleid ist kaum mehr als die Geste, mit der er an sein einstiges Markenzeichen erinnert - es ist eine Ahnung von etwas, das eigentlich unsichtbar ist. Ein Nichts von einem Kleid, passend zum "Walzerdelirium" - der Verheißung dieses Abends im BKA Luftschloss. Und Fischer löst sein Versprechen ein: Keiner wird an diesem Abend schunkeln - und doch sind alle benommen von dem Zauber der lichten Erscheinung auf der schwarzen Bühne. Wieder einmal singt Fischer Lieder von Cora Frost, Udo Jürgens, Freddy Mercury, Rio Reiser und Georg Kreisler - aber diese hat man von ihm noch nicht gehört, und fast alle sind im Dreivierteltakt geschrieben. Der Walzerschritt führt ihn ins "neue" Berlin, in den Hamburger Hafen, in die altdeutsche Amtsstube oder einfach nur in die Provinz. Immer neue Figuren lässt er wie Schattenrisse aus dem Dunkel aufleuchten: Er ist der halbseidene Prinz, der raue Matrose, das verzärtelte Sonntagskind. Er ist das kleine Mädchen, das so einsam ist, und die Diva, neben der alle anderen wie Zwerge aussehen. Wenn ihm danach ist, trällert er ein schlichtes Lalalala in die Nacht oder singt - Adamo parodierend - von seiner Akne, ohne albern oder gar peinlich zu wirken. Er probiert die deutschen Dialekte durch und beherrscht das Bayrische so charmant wie die Berliner Schnauze. Seine sarkastischen, obszönen Momente kontrastiert er mit ulkig-verträumten Stücken - und so sind nicht nur die jungen Herren im schwarzen Leder entzückt, sondern auch die Großmütter im Publikum. Wenn auch nicht das Delirium, so hat sie doch alle ein leichter Schwindel erfasst: Und eins, zwei, drei - dreht sich die Nacht.

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