Kultur : Chanson und starke Gauchos

Ulrich Amling

Kurze Zeit nach seinem Tod 1992 wurde er richtig berühmt: Platten mit Musik von Astor Piazolla, dem Meister des Tango nuevo am Bandoneon, mauserten sich zu Bestsellern. Während sich in den CD-Regalen eine Hommage an die nächste reiht, machte Milva im Konzerthaus Halt, um mit dem Orchestra di Padova e del Veneto Piazollas Werke zu feiern. "El Tango" war der Abend schlicht benannt, genauso wie einst das legendäre Programm, mit dem Milva und Piazolla am Pariser Theatre Bouffes du Nord auftraten. 15 Jahre ist das jetzt her. Doch im Gegensatz zu vielen verklärt Milva den Tango-Meister heute nicht: "Piazolla liebte die Perfektion. Er war kein sanfter Mann, sondern hart und streng." So sprach die Diva, deren neues Album in deutscher Sprache übrigens "Stark sein" heißt. Und das musste die Italienerin an diesem Abend auch. Mit wehendem Haar warf sich "La Rossa" einer halligen Verstärkeranlage entgegen, wie auch den schmierigen Klangwellen, die Piazollas Musik sein sollten. Maestro David Searcy verwandelte mit den Gesten eines müden Oberkellners artifizielle Tangowelten in eine folkloristische Parkettrutscherei: Musik, ideal für nostalgische Kostümfilme. Wenn sie einen Moment schwieg und Milva ohne Mikrofon den Saal mit ihrer erdigen Stimme erfüllte, bekam man eine Ahnung davon, warum Piazolla sie zur Interpretin seiner Lieder machte. Eine Ahnung von Stolz und Hingabe, von Perfektion und der Kunst der Stilisierung. Unterdessen nährte die italienische Filmmusik die Hoffnung, Piazolla sei nur eben zu einem Spaziergang durch Cinecitta aufgebrochen. Gleich wird er um die Ecke biegen, einen Wutanfall kriegen - und für uns spielen.

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