Kultur : Charakterkopf

Dem Schauspieler Vadim Glowna zum 70.

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Foto: dapd Foto: dapd
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Im Jahr 2000 bekam er den Preis der deutschen Filmkritik als Bester Schauspieler, für seine Rolle in Oskar Roehlers „Die Unberührbare“. Dabei war das gar keine große Rolle, ihm blieben nur zehn Minuten. Aber gerade von diesem Bruno, dem ersten Ehemann der Schriftstellerin Hanna Flanders, deren Leben am Mauerfall zerbricht, hing der ganze Film ab.

Die ganze Geschichte eines Paars, das längst keines mehr ist, in zehn Minuten! Wie die Freude in seinem Gesicht steht, sie zufällig wiederzusehen, auf dem Bahnhof. Das Leben hat seine Züge verwischt, ins Rundliche verharmlost. Aber ist das nicht die eigentliche Herausforderung?

Es ist kein Verdienst, einen Charakterkopf zu haben, einer zu werden schon. Durch all die Weichheit hindurch eine große Härte aufscheinen zu lassen – wie so oft bei Vadim Glowna –, nur um sie sofort wieder zurückzunehmen. Wohin? In eine übergroße Nüchternheit und Klarheit, die man nicht anders als volltrunken erreicht. So wie dieser Bruno, mit Glownas vom Leben fast erstickter, unverwechselbarer Stimme. Oder ist es eine Stimme, die gerade neue Kraft gewinnt?

Vadim Glowna musste noch nie Hauptrollen spielen, um nicht übersehen zu werden. Seine Figuren waren meist auch keine Hauptdarsteller des Lebens: Außenseiter oft. Das brachte ihn in den Siebzigern zum Neuen Deutschen Film („Der Schneider von Ulm“) oder auch zu Sam Peckinpah, in dessen Weltkriegsepos „Steiner“ er ein junger Frontsoldat war.

Der Krieg als prägende Macht. Warum, fragte sich der Junge, der im zerstörten Nachkriegs-Hamburg in einer nicht eben unzerstörten Familie groß wurde, sollte ich heiler sein als die Stadt? Seine Mutter verkaufte Blumen, war das nicht Realitätsflucht? Hilft die Theologie, diese Ganzheitskunde? Eher nicht, befand Glowna, brach das Studium ab und setzte es in Paris mit einem Clochard an seiner Seite fort, wurde Seemann, Taxifahrer, Hotelboy, und irgendwann Statist. Schauspieler? Es gibt nicht viele Berufe, die eine solche Mittelstellung im Sein erlauben, diese verbindliche Unverbindlichkeit, mit Aus- und Vorgriffen nach oben und unten. Glowna unternahm sie immer wieder, zuerst am Schauspielhaus Hamburg, wohin ihn Gustaf Gründgens holte, dann im Kino und Fernsehen in rund 120 Rollen, auch als Regisseur und Drehbuchautor. 1981 bekam er in Cannes die Camera d’Or für seinen Regieerstling „Desperado City“, eine Hamburger Großstadtballade.

Wer Glowna heißt – es ist der Name seines Stiefvaters –, weiß, wer er ist. Das polnische Wort meint das Hauptsächliche, das Wesentliche, das Maßgebliche. Vadim Glowna, der Maßgebliche, wird heute siebzig Jahre alt. Kerstin Decker

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