"Charlie Hebdo" und die Satire in Frankreich : Scharf, schärfer, gezeichnet

In Frankreich ist Satire besonders frech. Das hat eine lange Tradition. Auf sie beriefen sich auch die am Mittwoch ermordeten Zeichner und Redakteure des Magazins „Charlie Hebdo“.

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Chefredakteur Stéphane Charbonnier zeichnete einen Terroristen mit Kalaschnikow, dazu der Text: „Immer noch keine Attentate in Frankreich. ,Abwarten. Bis Ende Januar ist Zeit für Wünsche.’
Chefredakteur Stéphane Charbonnier zeichnete einen Terroristen mit Kalaschnikow, dazu der Text: „Immer noch keine Attentate in...Foto: Charlie Hebdo

Eine der letzten Karikaturen von Tignous alias Bernard Verlhac, geboren 1957, zeigt einen Zeichner mit einem Sprengstoffgürtel – doch der Gürtel besteht nur aus Bleistiften. Ein Bärtiger schreit: „Extremist!“ Drastischer Humor prägte viele der rotzfrechen Karikaturen und Comics des 1957 geborenen Zeichners, der – wie alle seine Kollegen bei „Charlie Hebdo“ – vor keiner Autorität einknickte, auch nicht vor religiösen Autoritäten.

Satire hat schon immer Protest provoziert – und den Ruf nach Bestrafung. In Frankreichs langer Tradition der gezeichneten Satire musste das schon der Humorist Honoré Daumier (1808-79) erfahren. Er zeichnete König Louis Philippe 1831 als einen die Steuer seiner Untertanen verschlingenden Fleischberg und gab ihm den – damals aus Rabelais’ Dichtung wohlbekannten – Namen „Gargantua“. Skandal! Honoré Daumier wanderte für sechs Monate ins Gefängnis. In früheren Zeiten, etwa bei den derben Bildsatiren auf Katholiken und Protestanten während der Reformation, waren Zeichner und Drucker meist anonym geblieben , um politischer Verfolgung zu entgehen. Aber während der Französischen Revolution mussten Freigeister wie der Marquis de Sade um ihren Kopf fürchten.

Honoré hieß auch einer der fünf Zeichner, die das Pariser Attentat nicht überlebten, wie seine Kollegen Verhalc, Jean Cabut, Georges Wolinski und Chefredakteur Stéphane Charbonnier alias Charb. Kurz vor dem Massaker, um 11.28 Uhr, twitterte „Charlie“ Philippe Honorés letztes Bild. Der Zeichner, Jahrgang 1941, persifliert darin in nüchternem Schwarzweiß den IS-Anführer Al-Baghdadi.

Die Zeichner von "Charlie Hebdo" ließen sich nichts verbieten

Etliche Redakteure von „Charlie Hebdo“ waren und sind Zeichner und Autoren zugleich. Durch nichts und niemanden ließen sie sich ihren Wort- oder Bilderwitz verbieten. „Magazin irresponsable“ steht im Untertitel – Frechheit als Programm, in anarchisch-linker Manier. Das Blatt nimmt vor allem die politische Rechte aufs Korn, aber auch die Sozialisten, die Kirche, die Religionen. Es versteht sich ausdrücklich als „antiklerikal“ und bedenkt den Islam in seiner extremistischen Form genauso mit bissigem Spott wie etwa die Katholische Kirche mit ihren Pädophilieskandalen.

Der letzte Tweet der Redaktion mit einer Zeichnung des ebenfalls ermordeten Philippe Honoré: die Neujahrswünsche von IS-Chef Abu Bakr Al-Baghdadi.
Der letzte Tweet der Redaktion mit einer Zeichnung des ebenfalls ermordeten Philippe Honoré: die Neujahrswünsche von IS-Chef Abu...Foto: Charlie Hebdo

„Charlie Hebdo“ existiert seit 1992, hatte jedoch Vorläufer, die mit der Entwicklung des Comics als künstlerische Ausdrucksform in Frankreich zusammenhängt. Dass die Zeitschrift einen weit schärferen Humor pflegt als etwa die deutsche „Titanic“, hat Tradition. Nach einer ersten Blütezeit der französischen Satire im 19. Jahrhundert mit Blättern wie „Le Charivari“ oder „La Caricature“, kamen Cartoons und Comics vor allem in den 1960er Jahren wieder in Mode.

1959 war „Pilote“ gegründet worden, die erste Comiczeitschrift, die sich nicht ausschließlich an Kinder, sondern an jugendliche und erwachsene Leser richtete. René Goscinny war der Chef und erschuf die „Asterix“-Serie. In den Sechzigern gründeten zahlreiche Künstler, die bislang für Kinder gezeichnet hatten, ihre eigenen Magazine. Mit der Studentenbewegung und der sexuellen Revolution entwickelten sich die Comics zur zeitgemäßen Kunst und zum Experimentierfeld. Inspiriert von den amerikanischen Underground-„Comix“ eines Robert Crumb, erlebten Comic-Zeitschriften einen regelrechten Boom in Frankreich.

Der Künstler als Tabubrecher und Grenzüberschreiter

Die Künstler als Tabubrecher und Grenzüberschreiter: Das Avantgardemagazin „Métal Hurlant“ erzählte wilde Science-Fiction- und Fantasy-Stories. Das belgische Magazin „A Suivre“ präsentierte Geschichten von hoher visueller wie literarischer Qualität, Jacques Tardi zeichnete hier den Ersten Weltkrieg. „L´Écho des Savannes“ und „Fluide Glacial“ wiederum boten Humor in bisher unbekannter Freizügigkeit. Sex, Gewalt, erotische Fantasien, düstere Zukunftsvisionen – Künstler wie Moebius oder Enki Bilal tobten sich aus – und die Leser empörten sich kaum noch.

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