Kultur : Charmante Kamera

argus fotokunst entdeckt den Fotografen George Friedman

Hans-Jörg Rother

Ungarn schien in den zwanziger Jahren dazu berufen zu sein, der Welt große Fotokünstler zu schenken. André Kertész, Robert Capa, Eva Besnyö gingen nach Paris, László Moholy-Nagy zum Bauhaus in Weimar. Zu den Pariser Emigranten gehörte auch der 1910 geborene György Friedmann, der seit 1927 an der Seine mit Prominentenporträts und Arbeiten für Filmzeitschriften sein Brot verdiente. Wegen der Namensgleichheit, lautet die Legende, legte sich sein Landsmann André Friedmann das Pseudonym Robert Capa zu. Über London ging der junge Mann 1933 nach Hollywood, wo er als Beleuchter, Assistent und Kameramann arbeitete. Dann zog es George Friedman, wie er sich in der neuen Welt nannte, 1939 nach Buenos Aires. Und hier sollten dann auch seine Karriereträume in Erfüllung gehen.

Reportageaufnahmen für internationale Magazine trugen Friedman bald den Ruf eines Meisterfotografen ein. Als er 1971 das Fotostory-Magazin „Idilio“ übernahm, avancierte er zum stilbildenden Fotokünstler Argentiniens. Charmant und gewinnend auftretend, gelang ihm einfach alles: Jedem ölverschmierten Werftarbeiter oder Schuhputzer entlockte er ein stolzes Lächeln. Vor allem aber gefielen die Fotoromanzen aus der feinen Gesellschaft, die er nach dem Vorbild amerikanischer Spielfilme inszenierte. Ein Pilot und eine Stewardess können ihr gegenseitiges Begehren kaum verbergen – man meint, den Druck der unsichtbaren Fessel der Konvention zu spüren.

Nie drang von diesen Fotoschätzen eine Nachricht nach Europa, und auch argus fotokunst hätte Friedman nicht entdeckt, würde nicht Max Jacoby, der in den Fünfzigern zu der von emigrierten Fotografen gegründeten „Gruppe der Zehn“ in Buenos Aires gehörte, Norbert Bunge von diesem bedeutenden Oeuvre erzählt haben. Es gelang noch, mit dem betagten Meister Kontakt aufzunehmen, bevor er 2002 starb. Jedes der gut fünfzig Vintage-Prints erzählt eine kleine Geschichte. Das zerfurchte Antlitz einer alten Indianerfrau steht für ein ganzes Leben und die Geheimnisse einer fremden Kultur. Diese Straßenfotografie bewahrt den Optimismus einer Aufbruchszeit, in der die Zukunft offen schien. Der weite Himmel mit den tief hängenden Wolken war dafür ein schönes Synonym. Erheiternd wirken dagegen die echten und vorgetäuschten Liebesszenen – wie ein Spiel, das die Langeweile des Lebens vertreiben soll. Bei ihrem Anblick meint man einen Tango zu hören, gespielt von einem seufzenden Bandonion.

Galerie argus fotokunst, Marienstraße 26, bis 27. Juni; Mittwoch bis Sonntag 14–18 Uhr.

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