Kultur : "Chicken Run": Ich wollt, ich wär kein Huhn

Christian Schröder

Wäre Descartes ein Huhn gewesen, hätte er vermutlich geschrieben: Ich lege, also bin ich. Ein Ei ist ein Ei ist ein Ei: Einen größeren Grad der Erkenntnis sollte man nicht erwarten von einem Tier, das den ganzen Tag lang Körner pickt. Hühner sind Dulder, keine Denker. "Dies ist eine Hühnerfarm", sagt Babs zu Rocky, "und wir sind die Hühner." Babs ist buchstäblich ein dummes Huhn, Rocky hingegen ein stolzer amerikanischer Zirkushahn. Ausgerechnet hier, irgendwo im trüben englischen Norden, ist er abgestürzt und mitten in einer der Legebaracken von Mrs. Tweedys Hühnerfarm gelandet. Der Gockel klopft sich den Staub aus dem Gefieder, richtet seinen prachtvollen Kamm auf und formt seinen Schnabel zum verführerischten Baby-uns-gehört-die-Welt-Lächeln, das jemals ein Dreizeher gelächelt hat. Die Hennen sind hingerissen. Und wir sind es auch: Merkwürdigere Federviecher haben wir noch nie gesehen. Ihre matt schimmernden Bäuche erinnern an Gymnastikbälle, die Flügel sehen aus wie Gummihandschuhe, und ihre Augen sind kleine Kugeln, die bei Bedarf aus dem Kopf herausquellen können. Die Helden von "Chicken Run - Hennen rennen" sind aus Knetgummi geformt. Womit der erste abendfüllende Spielfilm des britischen Aardman Studios zumindest eine Frage zuverlässig beantwortet. Was war zuerst: Die Henne oder das Ei? Es war das Plastilin.

Paralleluniversum aus Plastilin

Trickfilmer bilden die Welt ab, indem sie ihre eigene Welt erschaffen. Die Trickwelt ist der wirklichen Welt sogar überlegen, weil in ihr die Naturgesetze nicht gelten. Je echter ein Trick aussieht, umso mehr Arbeit macht er aber auch. Peter Lord und Nick Drake arbeiten seit beinahe dreißig Jahren an ihrer eigenen Welt, einem Paralleluniversum aus Knetmasse. Lord gründete 1972 das Aardman Studio in Bristol, Park stieß 1985 dazu. Von Computeranimationen halten sie nichts, deshalb muss die inzwischen weltweite Fangemeinde immer wieder jahrelang auf ein neues Werk warten. Jede Bewegung der Knetfiguren wird in Millimeter-Schritten abfotografiert, dabei entstehen maximal zehn Sekunden Film pro Tag. An "Chicken Run", der mit dem Geld des amerikanischen Dreamworks-Studios entstand, haben die beiden Regisseure und ihre vierzig Animatoren seit 1996 gearbeitet.

Langsamkeit: vielleicht eine englische Tugend. Man mag das Festhalten an einer altmeisterlichen Tricktechnik im Zeitalter der unbegrenzten Pixel-Effekte für eine Marotte halten, aber gerade diese Marottigkeit macht die Aardman-Geschöpfe so liebenswürdig. Eine bessere Personifikation britischer Sonderbarkeit als Wallace und Gromit kann man sich gar nicht vorstellen, jenes Herr-und-Hund-Gespann, für das Nick Park drei Oscars bekam. Wallace und Gromit flogen zum Mond ("Creature Comforts", 1990), entlarvten falsche Pinguine als Juwelenräuber ("The Wrong Trousers", 1993) und retteten Schafe vor dem Schlachthof ("Unter Schafen", 1995). Zwischendurch hatten sie aber immer noch Zeit, einen Tee zu trinken und Kekse mit Cheddar-Cheese zu knabbern. Im Grunde handelten alle ihre Filme davon, wie man mit einfachen Tricks die Welt überlisten kann. Wallace, in dem wir ein alter ego von Nick Park vermuten dürfen, war ein Erfinder, der geniale Roboterhosen und Frühstücksautomaten konstruierte.

Zuerst die schlechte Nachricht: In "Chicken Run" kommen Wallace und Gromit nicht vor, nicht mal mit einem Gastauftritt. Jetzt die gute: Die Hühner scheinen ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein. Mrs. Tweedys Farm ist ein Hühner-KZ. Stacheldrahtverhaue, Wachttürme und Hundestaffeln sichern die windschiefen Baracken, Hühner, die bei einem Fluchtversuch erwischt werden, kommen in Einzelhaft ins Erdloch. Allmorgendlich findet auf dem Appellplatz eine Selektion statt: Tiere, die ihr Legesoll nicht erfüllen, enden unter Mrs. Tweedys Hackebeilchen. Nur die Flucht kann die Hühner vor dem sicheren Tod retten, denn schon hat Mrs. Tweedy eine gewaltige Höllenmaschine angeschafft, mit der sie ihren Eierhof auf Pastetenproduktion umstellen will. Ginger, die tollkühnste Henne der Farm, seufzt: "Wenn wir doch nur fliegen könnten".

Der große Ausbruch

Flieg oder stirb. Ausbrecherfilme wie "The Great Escape", in denen britische Kriegsgefangene ihren deutschen Bewachern entkamen, sind das erkennbare Vorbild von "Chicken Run". Mrs. Tweedy, eine cholerische Herrin mit Dutt und Gummistiefeln, könnte aber auch der Haushälterin aus Hitchcocks "Rebecca" nachempfunden sein, das düstere Haus, in dem sie mit ihrem pantoffeligen Gatten lebt, sieht aus wie die Bates-Villa aus "Psycho". Wie schon die Wallace & Gromit-Trilogie steckt auch "Chicken Run" voller Zitate und Referenzen. Wenn Ginger, die englische Eierhenne, und Rocky, der amerikanische Kunstfluggockel, sich schmachtend verlieben, stehen Ginger Rogers und Fred Astaire Pate. Ginger und Fred erreichten in ihren Filmen die Schwerelosigkeit im Tanz, Ginger, Rocky und ihre Hühner-Freunde müssen dafür eine abenteuerliche Flugmaschine bauen. Doch die Suspense-Szenen bei ihrer Flucht aus den Klauen von Mrs. Tweedy sind nur ein Aufguss entsprechender Wallace & Gromit-Einlagen. Einiges vom anarchischen Witz der Knetfiguren ist beim Transport ins 90-Minuten-Format auf der Strecke geblieben. Ginger & Rocky sind ein schönes Paar. Ein unvergessliches Paar wie Wallace & Gromit werden sie nie werden.

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