Kultur : Chill-out im Kuschelsessel

DAVID WAGNER

Seit heute morgen muß man für den Besuch der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße bezahlen.Tagesbesucher entrichten an der Bücherschleuse eine Mark und dürfen die Stabi wie ein unbekanntes Land durch die Zollkontrolle betreten.Jacken, Taschen und Hunde müssen draußen bleiben.

Die beliebtesten Leseplätze liegen auf der Empore und in der Senke vor der großen Fensterfront zur Potsdamer Straße.Aus der Schweinebucht, wie das Becken auch heißt, kann man den ganzen Tag auf die Uhr der Matthäikirche schauen.Die Plätze am großen Lichtschacht und andere Tische weiter weg Fenster sind weniger beliebt.

Der Lesesaal füllt sich früh zu großen Teilen mit den Besuchern, die sich ihre eigenen Bücher mitbringen.Andere Stabigänger suchen hier die Bücher, die sie anderswo nicht finden.Mancher kommt auch nur zum Schreiben, weil es hier trotz so vieler Menschen so schön still ist.Oder weil es im Sommer kühl und im Winter warm ist.Und weil man hofft, vom scheinbaren Arbeitseifer um einen herum angesteckt zu werden.Manche kommen auch, weil ihre Freunde hier sind, oder weil sie einen Schwarm haben.Der aus der Ferne zu beobachtende Schwarm ist der selbstgeschaffene Anreiz, hier jeden Tag zu erscheinen.In einem dürren Leserleben kann die Stabi ein soziales Ereignis sein.Stabifamilien und Arbeitsgruppen kontrollieren sich und ihre Gruppentänze gegenseitig: wer geht mit wem, wann und wie oft am Tag Kaffee trinken.Und wer ißt seinen Kuchen neuerdings wieder alleine?

Zwischen den Cafeteriagängen kann man auf seinem Freischwinger wippen, Bleistifte spitzen oder auf den großen Einfall warten.Und versuchen, sich so nachdenklich wie möglich zu geben.Man kann Medizinstudenten dabei beobachten, wie sie ihre Lehrbücher mit Leuchtstiften vollmalen.Man kann sich dem Privatstudium menschlicher Tricks widmen.Verfolgen, auf wieviele Weisen sich Haarsträhnen um Finger wickeln lassen, Fingernägel abgekaut, Unterlippen geknetet werden können.Wirklich uneinsehbare Plätze gibt es wenig.Früher oder später werden fast alle Nasebohrer entdeckt.

Man kann auch Spiele wie Studienfachraten spielen.Wenn Juristen sich nicht durch ihren dicken roten Schönfelder, ihre Bibel im Backsteinformat verraten, erkennt man sie meist an den Schuhen.Manchmal krempeln sie auch die gebügelten Ärmel ihrer Hemden auf.Mediziner versuchen sich lässiger zu geben.Böse männliche Zungen haben für einen bestimmten weiblichen Typus das Wort Stabilette geprägt.Die Stabilette trägt hellblaue Blusen zu frischgewaschenen Jeans und fährt immer wieder gerne nach Italien, wo sie ihre Gucci-Gürtelsammlung vervollständigen kann.Die Verwegeneren unter ihnen tragen ihre hellblauen Blusen auch über dem Hosenbund oder lassen sie gar unter dem Pullover hervorschauen.Sie sind ganzjährig mit Hustenbonbons und Tempotaschentüchern bewaffnet.Manchmal verstopfen sie sich ihre Gehörgänge auch mit gelben Ohropaxknubbeln.

An bedeckten Regentagen kann man während des Wartens auf die nächste Pause auch heimlichen Ritualgängen nachgehen.Man kann auf den großen Globen vor der Landkartenabteilung nachsehen, wohin man gerne fahren würde, wo man schon war oder wo man auf seiner Weltreise nun wäre, wenn man nicht durchs Examen gefallen wäre.An nervösen Tagen kann man plötzlich Angst bekommen, alle Bücher, Aufzeichnungen, der Computer könnte gestohlen werden, während man selbst schon wieder in der Cafeteria sitzt.Dort kann die Zeit auch mit Stabi-Nostalgie vertrieben werden, man kann sich an den heute zugebauten Fensterblick auf das brache Ödland erinnern.Der Blick reichte, am Bellevue-Tower vorbei, weit in den Warschauer Pakt hinein.Dann kamen die Bagger und hoben Baugruben aus, fast so groß wie die Löcher, die sich gleichzeitig im Berliner Haushalt auftaten.Es folgten die Jahre, in denen die Cafeteriabesucher den Bauarbeitern staubgeschützt winken konnten.Davon, daß die Stabi früher fast im Niemandsland lag, ist heute nichts mehr zu sehen.Sie schmiegt sich, optisch schlanker geworden, dicht an die neue Baumasse heran.Auf einem der neuen Häuser dreht sich ein Mercedesstern.

Kurz vor Sonnenuntergang drehen sich die senkrechten Sonnenblenden vor dem großen Fenster zur Potsdamer Straße wie die Sonnensegel einer Raumsonde.Wenn die Helligkeit aus den aufgeschnittene Milchlicht-Kugeldüsen an der Decke nicht mehr ausreicht, werden auch die Südjalousien geöffnet.Seit Nastjassa Kinski und andere Engel im Himmel über Berlin freischwebenden Geist und innere Monologe in ihren Engelohrantennen empfangen konnten, hat sich im großen Lesesaal nicht viel verändert.Der trittschalldämpfende Teppichboden, farblich zwischen Zahnbelag und leicht grünlicher Gesichtsfarbe changierend, mußte an einigen Stellen ausgebessert werden.Solange Ruhebetten und Sauerstoffzelte fehlen, unter denen von automatischer Wissenstransfusion via Datenkabel geträumt werden könnte, lassen Etui- und Futteralmenschen ihre Müdigkeit in den braunen Kuschelsesseln der Chill-out-Area im Ostfoyer versinken.Von dort läßt sich weiter auf den Strom der Schlag- und Hüfthosenträgerinnnen schauen, die auf Plateausohlen über den Laufsteg Richtung Cafeteria defilieren.Im Sommer sieht man die ein oder andere somnambule Teppichbodenwandlerin auch barfuß.Dann wird die Stabi zum Strandbad.

Die, die hier auf den Stühlen kleben, auf ihren Tischen Stilleben aus Federmäppchen bauen und Treppen hinauf- und hinuntertanzen, sind nicht nur Nutzer der Staatsbibliothek, sondern gleichzeitig auch Statisten einer Großinstallation.Zum Beispiel gibt es einige sehr schöne Exemplare des ewigen Studenten, Dauerleihgaben freien Willens.Sowie mittelalte, manchmal gar mittelalterliche Allegorien des Fleißes, die sich immer über ihre Pulte beugen.Für die Dauer des Aufenthalts wird jeder Leser Teil und Exponat dieses bildenden Gesamtkunstwerks.Wenn das Licht günstig fällt, wirkt sie oder er fast wie von Vermeer gemalt.Vielleicht um gerade diese museale Stimmung nicht zu stören, hat die Leitung des Hauses es bis heute unterlassen, einen informatisierten Katalog einzuführen.Statt dessen werden kleine Zeitreisen in die Vergangenheit geboten.Hier können Zettelkästen mit Vor- und Nachkriegskatalogen durchsucht werden, während das grüne Licht der Mikrofilmlesegeräte einen Hauch von Raumschiff Enterprise, erste Staffel, verbreiten.Die Leihscheine zur Buchbestellung müssen handschriftlich ausgefüllt, Signaturen übertragen werden.Die Stabi ist auch ein Museum für anderswo längst ausgestorbene Arbeitsabläufe geworden.

Der Dreiklang und die jeden Abend viel zu laute Schlußansage aus dem Off wecken spätestens um viertel vor neun aus allen Träumereien.Um neun wird geschlossen, auf allen Decks wird gepackt.Und es heißt Abschied nehmen vom unbekannten Schwarm, von der Stabifamilie und den virtuellen Freunden, die man jeden Tag sieht, und doch noch nie gesprochen hat.Ordentliche Menschen schieben ihre Stühle ganz zurück und löschen ihre Leselampe.Wer ein Dauerschließfach hat, für die schon seit langem Nutzungsgebühren erhoben werden, kann sich nach der Ausgangskontrolle noch von seinen Spindphotos verabschieden.Tagesbesucher dürfen sich als Andenken eine der transparenten Plastiktüten mit dem blauen, in der Präposition leicht preußelnden, Aufdruck "Staatsbibliothek zu Berlin mitnehmen".Die gibt es noch umsonst.

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