China : Kopflose Hühner

Denkverbote und Rätsel: Eine Begegnung mit dem chinesischen Autor und Filmemacher Xu Xing.

Caroline Fetscher

Als Maos große "Kulturrevolution“ losbrach, war Xu Xing zehn Jahre alt. Geboren wurde er 1956 in Beijing, das bei uns damals noch Peking hieß. Dort war über Nacht die Welt aus den Angeln gehoben worden. Was vorher verboten war, war nun erlaubt, sogar gefordert, die Bevölkerung sollte mit all ihren Traditionen brechen. In Massen zog sie durch die Straßen, Schüler sollten ihre Lehrer an den Pranger stellen, Kinder ihre Eltern kritisieren, die Schule fiel aus, damit die Kinder Jubelumzüge mitmachen konnten.

Vom Chaos, von der Anarchie der Verhältnisse war der Junge Xu Xing fasziniert. Traditionelle Ornamente wurden von Hauswänden geschlagen, klassische Texte verbrannt, "bourgeoise Elemente“ schickte die Partei fort aus den Städten, aufs Land, auf die Äcker. Auch Xu Xings Eltern fielen in diese Kategorie. Zu den ideologischen Paradoxien, die tief in den Alltag eindrangen, gehörte es, dass eine Autorität – die Partei – den Aufstand gegen die Autorität angezettelt hatte. Hunderttausende verloren in diesen Umwälzungen die Orientierung.

"Beijing war wie ein Huhn, dem man den Kopf abgeschnitten hatte“, kommentiert der Xu Xing von heute. Als Erzählung aus dem Off begleiten Xu Xings Worte die Dokumentaraufnahmen des Films "Meine Kulturrevolution – unterwegs zu den Orten der Erinnerung“, den der Schriftsteller und Filmemacher am Abend des 10. Mai im Berliner Martin-Gropius-Bau vorstellte. An jedem Jahrestag der NS-Bücherverbrennung lädt die "Villa Aurora“ Autoren im Exil dazu ein, ihre Arbeit zu präsentieren. Xu Xing (gesprochen etwa: „Schü Sching“), 2008 Stipendiat der ehemaligen Feuchtwanger-Villa im kalifornischen Pacific Palisades, war dieses Jahr der Gast des Tages.

"Nur in meinem eigenen Land kann ich etwas bewegen"

Spätestens seit Xings Romandebüt "Und alles, was bleibt, ist für dich“ seit dem Jahr 2004 auf Deutsch vorliegt (aus dem Chinesischen von Irmy Schweiger und Rupprecht Mayer, Verlag Schirmer Graf), ist der Kult-Autor von Chinas Jugend vielen hier im Land bekannt. Sein Roman schildert realistisch und mit Ironie die Erlebnisse zweier Tramps und Streuner, die in jeder Hinsicht, biografisch wie geografisch vom Weg abkommen und sich mal frech, mutig und hochstapelnd, mal verzweifelt, von Chinas Provinzen über Tibet bis in das seltsame Deutschland treiben lassen. Verarbeitet hatte Xing dabei auch seine Eindrücke als Stipendiat der Berliner Akademie der Künste und der Böll-Stiftung zwischen 1989 und 1994. Ins Exil gegangen nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz, kehrte Xu Xing dennoch zurück. "Nur in meinem eigenen Land kann ich etwas bewegen“, erklärt der Individualist, den die Partei einst als "unerwünschten Jugendlichen“ und "unnützen Menschen“ bezeichnete.

Worum es ihm geht, das macht sein Film zur Kulturrevolution deutlich, der in China nicht öffentlich gezeigt werden darf. Xu Xing wehrt sich gegen den Kollektivismus seines Landes, gegen die Denk- und Erinnerungsverbote, die das Einparteiensystem einer Milliarde Bürgern auferlegen will. Xings Spurensuche führt ihn bald zu seiner Jugendliebe, Ying Tao. Ihr hatte der Teenager, dessen Eltern jahrelang aufs Land verschickt worden waren, und der allein in Beijing hauste, einen Liebesbrief geschrieben. Sie entdeckt in ihm einen vertrauten Lehrer, der den skandalösen, parteikritischen Inhalt anzeigt.

Trotzdem verhaltene Kritik an China

Xu Xing wurde zum Außenseiter und nach Dutzenden von Jobs zum Autor, der sich im heutigen, etwas freieren China die Recherche zu einem solchen Film mit einem tabuisierten Sujet künstlerisch leisten kann. Da interviewt er nicht nur die inzwischen in Los Angeles lebende Ying Tao, die bis heute bereut, dass sie den Schulfreund unwissentlich verriet. Er findet auch den alten Herrn Wong, dessen Ehefrau, eine Schuldirektorin, wegen irgendwelcher Aussagen erschlagen worden war – und der immernoch glaubt, eines Tages werde die Partei ihren Irrtum erkennen. Zwei Brüder sprechen am Grab ihrer Mutter, die damals vor ihren Augen erschossen wurde, eine alte Frau erzählt davon, wie Marodeure im Namen der Partei die Steinlöwen an ihrer Pforte zerschlugen. Die horrende Dimension eines verdrängten Bürgerkrieges, der sich "Kulturrevolution“ nannte, scheint auf.

Das Publikum im Gropiusbau wollte von Xu Xing wissen, wie sein Alltag in China aussieht, wie die Zensur, die Lage der Christen, die Menschenrechte – seine Antworten, für die meisten nur gedolmetscht über Kopfhörer zu verstehen, blieben vage. Genaues wisse er nicht, es gebe jetzt mehr Freiräume, auch in Amerika werde ja gegen Menschenrechte verstoßen, sagte er, wohl als Anspielung auf die China oft vorgehaltene Todesstrafe,

Er, Xing, werde jedenfalls einfach weiterschreiben und "warten“ – auf bessere Verhältnisse, meinte er offenbar. Das Rühren an Tabus in der maoistischen Vergangenheit, die auch offiziell mit "dreißig Prozent schlecht“ bezeichnet werden darf, scheint weit weniger riskant zu sein, als offene Kritik an einer Gegenwart, deren Zeitgenossen sich in der für den Westen kaum vorstellbaren Spannung zwischen Kommunismus und Turbokapitalismus mit ihrem Leben arrangieren müssen. Bei aller Klarheit seines Films blieb Xu Xing auch ein, womöglich absichtliches, Rätsel.

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