Kultur : "Chocolat": In einer kleinen Konditorei

Kerstin Decker

Wir erinnern uns: Für "Chocolat", die süßeste Versuchung, seit es Kino gibt, endete die Berlinale bitter. Nicht bittersüß, nicht feinherb, nicht zartbitter, das alles hätten die Konfektionäre um Lasse Hallström vielleicht noch nachschmecken können. Aber die Kritiker fanden "Chocolat" schlicht ungenießbar. Manche auch "egal" oder "ärgerlich". Kann es einen kinematografischen Schokoladenfabrikanten härter treffen?

Nein, Lasse Hallström, wir lassen das so nicht stehen. Wenn es jemandem gelungen ist, das innerste Wesen einer Pralinenschachtel zu verfilmen, dann Ihnen. Kritiker, man ahnte es schon immer, haben von Natur aus ein gestörtes Verhältnis zu Süßwaren. Nehmen wir nur mal das Wort "Schokaladenseite". Richtig, es scheint jedem Kritiker verdächtig. Denn was ist wohl eine Schokoladenseite? Die noch unkritisierte Seite der Dinge.

Die armen Kritiker aber auch: Immer suchen sie den Avantgardismus, das Noch-nie-Gesehene schlechthin. Jeder, der etwa am Fenster einer kleinen Konditorei sitzt und Menschen vorbeihasten sieht, die immerfort das Nie-Gesehene suchen, begreift sofort, dass es sich hier nur um eine äußerst beklagenswerte Spezies handeln kann. Seien Sie also nachsichtig, Herr Hallström! Wir, die wir wissen, dass es lohnenswerter ist, einen Nachmittag lang über die Raffinesse eines Schokoladenüberzugs zu diskutieren als über das Welttheater, werden immer in der Minderzahl bleiben. Darum nennt man uns die Weisen. Die große Masse hingegen - zumindest unter den Kritikern - sucht das Nie-Gesehene. Und, seien wir ehrlich, Herr Hallström, genau hier lag Ihre Schwäche.

Wer wollte behaupten, noch nie ein Törtchen gesehen zu haben? Konfekt, das Plätzchen im weitesten Sinne ist eben eine Art Gegen-Avantgardismus. Ja, es gab sogar Kritiker, die behaupteten, ein Plätzchen gehöre nicht auf die Berlinale. So sind sie, die Fundamentalisten. Claude Chabrol war da viel vorsichtiger. Chabrol hatte auch gerade einen Schokoladenfilm gemacht - aber mit vergifteter Schokolade. Vergiftete Schokolade ist natürlich ein enormer Avantgardismus. Jedenfalls die Kritiker haben das sofort geglaubt. - Was für Konflikte holt man dagegen aus einem Plätzchen? Nur einen: das Plätzchen und seine Gegner, die Reaktionäre also. Juliette Binoche und ihr Schoko-Laden gegen Alfred Molina, den Bürgermeister. Wir wussten es ja gleich, dass er eines Morgens mitten in Juliettes Schokolade erwachen würde; aber wie er es dann tat, war doch erfreulich anzusehen. Lieber Herr Hallström, Sie haben also unser Vorwissen gleich mit inszeniert. Und gewissermaßen das Plätzchen verfilmt, das um seine Plätzchenhaftigkeit weiß.

Genauer schufen Sie die selbstreflexive Süßware - und das nun ist ein ganz außerordentlicher Avantgardismus! Nur, dass nun die Kritiker das nicht gemerkt haben. Und wissen Sie, Herr Hallström, woran das liegt? Die trinken keinen Kakao mehr zum Frühstück, so wie Judi Dench jeden Tag in Juliettes Schoko-Laden. Die trinken nur noch Kaba-Instant oder Suchard-Express, diese Verfallsformen der flüssigen Schokolade, die ursprünglich die einzige war. Sie sehen, Herr Hallström, es gibt für alles eine vernünftige Erklärung.

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