Christo und Jeanne-Claude im Interview : „Eine poetische Erfindung des Künstlers“

Christo und Jeanne-Claude über die Luftbrücke, „Wrapped Magazines“ und die Liebe zu ihren Langzeitprojekten.

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Christo und Jeanne-Claude vor einer vorbereitenden Zeichnung für ihr Projekt „Over the River“, an dem sie seit 1992 arbeiten und...

Christo und Jeanne-Claude, Sie haben die Skulptur von Christo „Wrapped Magazines 2008 (LIFE August 9, 1948)“ Care Deutschland-Luxemburg gestiftet aus Anlass des Endes der Berlin-Blockade am 12. Mai 1949. Das Care-Paket war damals ein Zeichen der Freundschaft zwischen Amerika und Deutschland – drei Jahre nach dem Krieg. Ist dieses Kunstwerk, das als Dauerleihgabe ins Deutsche Historische Museum geht, auch ein Zeichen der Freundschaft?

CHRISTO: Ich kann Ihnen sagen, wie es dazu kam. Wir bekamen einen Brief von zwei guten Freunden, die für unsere Arbeit in Deutschland sehr wichtig sind, Prof. Dr. Rita Süssmuth und der ehemalige Bundestagesabgeordnete Heribert Scharrenbroich. Sie sind beide im Vorstand von Care Deutschland-Luxemburg. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass wir den Reichstag verhüllen durften. Herr Scharrenbroich hat damals eine sehr wichtige Rede in der Debatte im Deutschen Bundestag im Februar 1994 gehalten. Sie fragten uns, ob wir ihnen mit einem Kunstwerk helfen könnten, das sie für ein Projekt von Care verkaufen könnten. Ganz einfach. Im letzten Jahr zum Geburtstag der Luftbrücke habe ich viele „Wrapped Magazines“ mit Covern von LIFE, Look, Spiegel zu dem Thema gestaltet.

JEANNE–CLAUDE: Die ersten „Wrapped Magazines“ entstanden 1961.

CHRISTO: Die Idee war, eine „Wrapped Magazine“-Skulptur zu machen, die ein Cover des LIFE-Magazines von 1948 hat. Wir gingen ins Archiv von LIFE, aber es gab kein Cover von LIFE mit einem Luftbrückenbild. LIFE hatte immer Filmstars auf dem Cover. Die Nummer mit den ersten großen Fotos von der Luftbrücke im LIFE-Magazine zeigte Marlene Dietrich auf dem Cover. Ich nahm also das historische Foto mit dem Flugzeug und den zuschauenden Kindern, vergrößerte es und schuf so ein neues LIFE-Cover mit diesem Bild. Dann habe ich die ganzen Texte des Originals wieder hineinmontiert.

Das erklärt einiges. Wir haben nach dem Original mit Hilfe der Staatsbibliothek Berlin geforscht, aber sie fanden kein Magazin mit dem Flugzeug auf dem Titel.

CHRISTO: (lacht) Es sind verschiedene LIFE-Magazines aus dem Jahr 1948 darin.

JEANNE-CLAUDE: Es ist eine poetische Erfindung des Künstlers.

Dieses berühmte Foto von Henry Ries wurde zur Ikone der Luftbrücke.

CHRISTO: Es ist ein wunderbares Foto. Aber ich musste es dem Format anpassen. Es ist ein sehr grafisches Foto. Das Flugzeug nimmt großen Raum ein, schwarz-weiß. Es sieht sehr unmittelbar unter dem Plastikmaterial aus.

Wenn Sie heute an die Luftbrücke denken, was ist Ihre erste visuelle Assoziation?

CHRISTO: Als das geschah, lebte ich im kommunistischen Bulgarien. Ich erinnere mich vage, dass damals darüber geredet wurde. Ich war damals 13 Jahre alt.

Und Sie, Jeanne-Claude?

Ich war auch 13 Jahre alt, wir wurden ja am gleichen Tag geboren. Ich lebte in Bern in einem sehr neutralen Land, mein Vater war Militärattaché an der französischen Botschaft, und ich war mir damals keines historischen oder politisch bedeutenden Ereignisses bewusst, ich war eben 13 Jahre alt.

Warum haben Sie LIFE gewählt?

CHRISTO: Es war eine sehr bekannte Publikation. Ich fand es grafisch sehr eindrucksvoll. Heute sind die Magazine so bunt, und am Kiosk sieht es aus wie auf dem Basar. Schwarz-Weiß und Rot waren damals sehr machtvoll in der Wirkung.

War es schwer, die historischen Ausgaben zu bekommen?

JEANNE-CLAUDE: Wir haben sie einfach gekauft.

CHRISTO: Es hat uns einen Monat gekostet, bis wir sie alle zusammenhatten.

JEANNE-CLAUDE: Wir haben sie via Internet gekauft, hier und da. Nein, Christo hat sie nicht gekauft. Mein Assistent hat sie gekauft, denn Christo weiß nicht, wie man den Computer einschaltet.

Wenn Sie ein Projekt planen, machen Sie ja vorbereitende Zeichnungen. Aber das Projekt „Wrapped FlakTower“ in Wien wird nicht verhüllt.

CHRISTO: Nach meiner Flucht habe ich in den 50er Jahren sechs Monate in Wien gelebt. 1974 hatten wir während einer großen Ausstellung in Wien diskutiert, ob wir etwas in Wien tun sollten. 1976 hatte ich vorgeschlagen, die Flaktürme in Wien zu verhüllen, die sehr massiv in der Landschaft stehen. Aber wir bekamen nie die Erlaubnis. Es ist eines der wenigen Projekte in über 45 Jahren, das nicht verwirklicht wurde.

Sind Sie enttäuscht, wenn Sie ein Projekt nicht realisieren können?

CHRISTO: Es ist nicht enttäuschend. Wir wollten die Türme gerne 1976 verhüllen. Aber sie sind jetzt nicht mehr in unserem Herzen. Das Reichstagsprojekt ist drei Mal abgelehnt worden, aber wir waren trotzdem immer noch daran interessiert.

JEANNE-CLAUDE: „The Gates“ wurden auch abgelehnt, aber sie blieben in unseren Herzen. Es hängt immer davon ab, ob es noch in unserem Herzen lebt.

Was macht Sie so sicher, dass Sie das bekommen, was Sie möchten?

CHRISTO: (lacht) Es ist nicht leicht. Aber man muss auch Glück haben. Wenn Frau Süssmuth nicht zur Bundestagspräsidentin gewählt worden wäre, wäre der Reichstag vermutlich niemals verhüllt worden. Frau Süssmuth und Herr Scharrenbroich sind Teil der historischen Umstände und des Glückes. Das gilt auch für das „Gates“-Projekt. Wenn unser Freund Michael Bloomberg nicht 2001 zum Bürgermeister von New York City gewählt worden wäre, hätte das „Gates“-Projekt nicht verwirklicht werden können.

Ein anderes Langzeit-Projekt ist „Over the River“ im Staat Colorado. Ist es auch noch in Ihrem Herzen?

JEANNE-CLAUDE: Es ist nicht nur in unserem Herzen. Wir nutzen all unsere Zeit, Liebe, Energie und unser Geld, um die Erlaubnis zu bekommen.

CHRISTO: Manchmal dauern die Projekte aber auch länger – nicht wegen der fehlenden Erlaubnis, sondern weil sich eine Chance ergibt, ein anderes Projekt zu verwirklichen. Dann müssen die anderen ruhen.

Was ist mit dem Mastaba-Projekt in Abu Dhabi? Die ersten Zeichnungen sind von 1977. Haben Sie noch Hoffnung?

CHRISTO: Natürlich haben wir noch Hoffnung. Wir leben mit vielen Optionen.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt

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