Christoph Stölzl zum 70. Geburtstag : Die Neuerfindung Berlins

Der Kulturbeweger: Christoph Stölzl war Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums, Kultursenator in Berlin, ist heute Präsident der Musikhochschule in Weimar und hat immer noch Pläne: zum Beispiel die Gründung eines "National Trust" zur Finanzierung der wichtigsten deutschen Kulturinstitutionen.

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Christoph Stölzl.
Christoph Stölzl.Foto: dpa

In diesem Kopf, kahl, so lange man denken kann, muss es sprudeln und wirbeln. Denn die Rede schießt atemlos, in schnellen Stößen dahin, freilich nicht hastig, sondern luzide und für sich einnehmend, leicht süddeutsch untermischt. Christoph Stölzl ist ja auch kein aufgeregter Bekenner, sondern der Fall eines bürgerlichen Charakters, distinguiert im Auftreten, eher konservativ als irgendetwas anderes. Beeindruckend durch Kreativität und spielerischen Einfallsreichtum – ein Assoziationsgenie in irischem Tweed. Womit er zu einer der herausragendsten Gestalten in der deutschen Kulturpolitik der letzten Jahrzehnte geworden ist.

Will man den Weg dahin beschreiben, so kommt es auf eine Mischung aus Direttissima und Rösselsprung hinaus. Als Gründungsdirektor hat er das Berliner Deutsche Historische Museum – auf der Anstellungsurkunde prangte noch das DDR- Wappen – zwölf Jahre lang glänzend geführt, um dann alle mit einer Zweitkarriere als Feuilletonchef einer renommierten Zeitung zu überraschen. Kaum dort warm geworden, setzte er zu einer politischen Karriere an: Kultursenator in der letzten CDU-geführten Landesregierung, schließlich sogar Landesvorsitzender, dann vier Jahre Vizepräsident des Abgeordnetenhauses. Dann wieder eine steile Kehre: seit 2010 findet man ihn in Weimar, als Präsident der Musikhochschule.

Der Aufbau des Deutschen Historischen Museums gegen viele Widerstände bleibt seine größte Leistung. Damals hat er das Jahrzehnt der Wiederherstellung Berlins nach dem Mauerfall intensiv mitgeprägt. Wobei das Museum das Standbein war, sein Spielbein aber seine Rolle als unermüdlicher Anreger und Beweger. Er bewerkstelligte die Umgestaltung von Schinkels Neuer Wache zur nationalen Gedenkstätte – einst eine schwere Geburt, heute längst Hauptstadtinventar. Er brachte den „Rat für die Künste“ mit auf den Weg, gehörte zu den Vätern des Hauptstadtkulturfonds, bewirkte die Übernahme der großen Kostenblöcke in Berlin durch den Bund – Jüdisches Museum, Berliner Festspiele, Gropius-Bau, Haus der Kulturen der Welt. Alles zusammen eine Neuerfindung des Kulturföderalismus, ohne die es der Kultur in dieser Stadt schlechter ginge.

Und wenn man abends nach Haus fuhr, hatte man Stölzl per Radio im Ohr: als Nachtpilot, der Kästner-Gedichte oder Swingmusik aus den dreißiger Jahren moderierte. Denn dieser Kulturmanager ist auch ein unendlich begeisterungsfähiger Liebhaber kleiner und großer Kunst – ein Flaneur in vielen Welten. Wer sonst hätte es fertig gebracht, Berlin ein ganzes Jahr lang Tag für Tag in Feuilletons zu spiegeln? Aber ein Kopf, der es mit dem Zeitgeist aufnimmt, ist er auch. Seine flammende Rede im Abgeordnetenhaus bei der Bildung der Koalition von SPD und PDS 2001 verdiente als so gut wie einziger Versuch, den historischen Moment zu markieren, im Gedächtnis zu bleiben.

In Stölzls Profil ist viel von seiner Herkunft eingegangen: der Großvater, Hanns von Gumppenberg, ein Enfant terrible der Münchner Moderne, die Tante, eine Bauhausmeisterin. Vor allem aber das kulturelle Erwachen des jungen Stölzl im München der fünfziger Jahre, in der Bruchzone von Wiederaufbau und Tradition. Um so überzeugender seine Parteinahme für das neue Berlins und sein ungebremster kulturpolitischer Elan. Im Moment hält er beim Gedanken eines „National Trust“ zur Finanzierung der wichtigsten deutschen Kulturinstitutionen. Ob wir ihn je bekommen, ist offen. Aber einen Gründungspräsidenten hätten wir schon: Christoph Stölzl, der an diesem Montag siebzig Jahre alt wird.Hermann Rudolph

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