Kultur : Chronik des Grauens

900 Tage Belagerung: Anna Reid über Legende und Wirklichkeit der Blockade Leningrads 1941 bis 1944

Hannes Schwenger
PR im Kaukasus.
PR im Kaukasus.

Für Hitler war es 1941 „ein feststehender Beschluss“, den er seinem Generalstabschef mitteilte, „Moskau und Leningrad dem Erdboden gleichzumachen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssen“. Da glaubte er nach den Anfangserfolgen an der Ostfront noch, den Feldzug schon nach 14 Tagen gewonnen zu haben.

Es kam anders: Moskau und Leningrad (heute wieder St. Petersburg) erheben sich noch immer über den Erdboden, während es Hitler gelang, Berlin nahezu vollständig in Trümmer zu legen. Und dennoch hat das unzerstörte Leningrad während seiner 900-tägigen Belagerung durch die deutsche Wehrmacht mehr Hunger gelitten als das schon zerstörte (West-)Berlin während der sowjetischen Blockade 1948/49. Beide Ereignisse tragen denselben Namen, „Blokada“ wird Leningrads Belagerung genannt. Diesen Titel trägt auch Anna Reids Studie über die Belagerung Leningrads, die sich erstmals auf Material stützen kann, das nach dem Ende der Sowjetunion zugänglich wurde.

Über beide Blockaden gibt es in beiden Städten heroische Legenden, denn beide wurden siegreich bestanden, aber der hohe Preis, der dafür – vor allem in Leningrad – bezahlt wurde, ist lange verdrängt und beschönigt worden. Die Ursache waren nicht nur die im Sowjetreich unaussprechlichen Fehler, die der unfehlbare Stalin während der deutschen Invasion gemacht hatte, sondern auch das Versagen der ihm hörigen Spitzenpolitiker, die mit der Rettung Leningrads betraut waren. Zu ihnen zählen Andrej Schdanow und Kliment Woroschilow – der spätere Kunstpapst und das spätere Staatsoberhaupt der Sowjetunion, die seit der Schaffung eines Militärsowjets für die Leningrader Front für das Schicksal der Stadt verantwortlich waren. Ihr Versagen rief eine Sonderkommission aus Moskau auf den Plan, der Molotow, Kossygin und Malenkow angehörten. Malenkow soll Stalin sogar vorgeschlagen haben, Schdanow vor ein Kriegsgericht zu stellen, doch am Einspruch des KGB-Chefs Lawrentij Berija gescheitert sein. Stalin selbst hat ihm im Zorn „idiotische Dummheit“ vorgeworfen und zeigte sich „angeekelt von Ihrem Verhalten“, was die drei Kommissionäre durch ihre Unterschrift bekräftigten.

Offiziell ging es der Kommission um eine „Bewertung der komplizierten Lage“, tatsächlich wohl schon um die Frage, ob Leningrad überhaupt noch zu verteidigen war. Stalins persönliche Einmischung „mit Befehlen, die der sich wandelnden Realität nun völlig fern waren“ – hier Hitler ganz ähnlich –, machte die Lage nicht besser, sondern schlimmer. Nicht einmal Generalstabschef Georgi Schukow, der spätere Sieger von Berlin, den Stalin zuletzt nach Leningrad schickte, konnte die Einschließung der Stadt mehr verhindern. Schukows Gegenoffensive scheiterte, es gelang nur, eine neue Verteidigungslinie bei den Vororten Leningrads einzurichten. Gerettet hat Leningrad schließlich weniger Schukows taktische Brillanz, sondern Differenzen der deutschen Generalität mit Hitler über eine sofortige Einnahme oder Umgehung und Belagerung Leningrads. Als Hitler schließlich einer Verlegung von Panzertruppen zum Sturm auf Moskau zustimmte, falls Leningrad nicht binnen zehn Tagen fiele, war die Sache entschieden: „Im Rückblick war es der Moment“, urteilt Reid, „in dem Deutschland seine beste Chance zur Einnahme Leningrads verpasste.“

Leningrads Chance, daraus einen Vorteil zu ziehen, war allerdings ebenfalls längst verpasst. Zu den gravierendsten Versäumnissen der russischen Behörden zählt Reid neben der Sorglosigkeit bei der Vorratshaltung für den von Stalin noch nicht erwarteten Kriegsfall die unterlassene Evakuierung der überschüssigen Bevölkerung, bevor der Belagerungsring geschlossen war. So waren 2,8 Millionen Zivilisten neben 500 000 Soldaten und Matrosen im Belagerungsring gefangen, ohne ausreichend versorgt werden zu können. Das änderte sich zwar ein wenig im zweiten und dritten Jahr der Belagerung, als die zu versorgende Bevölkerung bereits dezimiert war und eine Eisstraße über den Ladogasee Nachschub und Evakuierungen erlaubte, bevor ein schmaler Korridor freigekämpft war, durch den auch wieder Eisenbahnverkehr möglich wurde. In der schlimmsten Phase der Belagerung hatte es nur eine notdürftige Luftbrücke von und nach Leningrad gegeben, die zwar die Verbindungswege von Partei und Militär, aber nicht die Versorgung der Bevölkerung sichern konnte.

Im Hungerwinter 1941 lagen täglich Verhungerte in den Straßen und Häusern, weil Tausende trotz strenger Rationierung ohne Anspruch auf Lebensmittelkarten waren, die nach einem ausgeklügelten Klassensystem – für Schwerarbeiter, Leichtarbeiter und Invaliden – vergeben wurden, während Mitarbeiter von Institutionen durch ihre Institute versorgt wurden. Wer durch dieses Raster fiel oder Angehörige verlor, die durch ihre Stellung ganze Familien miternährt hatten, war dem Hunger- und Kältetod ausgeliefert. Nur wer über „Swjasy“, über Beziehungen, verfügte, hatte dann eine Überlebenschance. Der Verzehr von Katzen und Hunden war noch der geringste Tabubruch in der Not, der KGB registrierte auch über 2000 Fälle von Kannibalismus, darunter Ärzte und Krankenpersonal, die über Patienten, oder Schüler, die über geschwächte oder tote Kameraden herfielen. Und natürlich machte sich auch Alltagskriminalität wie Raub, Betrug, Korruption breit, die selbst durch drakonische Strafen nicht mehr einzudämmen waren.

Dokumentiert ist diese Chronik des Grauens in lange unter Verschluss gehaltenen Akten, aber auch in zahlreichen Tagebüchern von – gestorbenen und überlebenden – Bürgern und Berichten von Schriftstellern, die in ihrem Verbandslokal immerhin eine „Überlebensinsel“ besaßen. Anna Achmatowa, Vera Inber, Olga Berggolz haben in Gedichten, Briefen und Berichten Zeugnis aus den dunkelsten Tagen Leningrads gegeben, der Komponist Dmitri Schostakowitsch schrieb dort seine – politisch missbrauchte – „Leningrader Symphonie“, die am 9. August 1942 eine triumphale Aufführung an Ort und Stelle erlebte. Die Deutschen, die das Finale von ferne über das Niemandsland klingen hörten, „sollen in jenem Moment begriffen haben, dass der Krieg im Osten nie siegreich für sie enden würde“.

Anna Reid nennt das „eine wunderbare Geschichte, die im Rückblick jedoch überzeugender klingt als damals an Ort und Stelle“. In den Tagebüchern und Aufzeichnungen aus Leningrad finde sie kaum Erwähnung. Umso heftigeren Gebrauch machte das Regime von ihrer Legende, so dass sich Schostakowitsch in seinen postum von Freunden fixierten Memoiren distanzierte: Er habe bei seiner Komposition nicht nur an die verhassten Nationalsozialisten gedacht, sondern auch „an die auf Stalins Befehl Ermordeten. Ich trauere um alle Gequälten, Gepeinigten, Erschossenen, Verhungerten. Es hat sie in unserem Lande schon zu Millionen gegeben, eher der Krieg gegen Hitler begonnen hatte.“





– Anna Reid:

Blokada.

Die Belagerung

Leningrads 1941–1944.

Berlin Verlag,

Berlin 2011. 592 Seiten,

34 Euro.

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