+CITY Lights : Berlin, Bombay

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Die Umbenennung der „Freunde der deutschen Kinemathek“ in „arsenal – institut für film und videokunst“ vor anderthalb Jahren war keine modische Formalie, sondern schloss programmatisch die Öffnung vieler institutioneller Bereiche ein. Auch das 9000 Exemplare umfassende Filmarchiv soll als „arsenal kollektion“ digitalisiert und zugänglich gemacht werden. Ein Schritt dazu sind die mit dem Goethe-Institut ausgelobten Stipendien zur Archiv-Recherche für Kuratoren aus entfernteren Teilen der Welt. Den Anfang macht die Filmemacherin Madhusree Dutta, die in Bombay das interdisziplinäre Majlis-Zentrum gegründet hat und leitet: Ein lebendiges Archiv und Ort vielfältiger Kulturarbeit, wo der Kampf für Bürgerrechte sich mit Poesie und Kunst verknüpft. Ähnlich facettenreich angelegt wie die kulturpädagogische Arbeit ist auch Duttas dokumentarisches Stadtporträt, das am Dienstag zu ihrer Begrüßung im Arsenal gezeigt wird. Seven Islands and a Metro wirft in mosaikartig hingetupften Kapiteln den Blick auf die Hafenmetropole, die von den Portugiesen in Bom Bahia getauft worden war. Dabei imponieren vor allem die Frauen – seien es Stuntladies in Bollywood oder Fischhändlerinnen, die wegen der Ausdünstungen ihres Gewerbes aus dem „Duftfeld“ neuer Luxusapartments weichen sollen.

Als die Hindupartei 1995 nach kurzer Unterbrechung wieder an die Macht kam und Bombay in Mumbai umbenannte, wurden gleichzeitig mit dem Verbot von Tanzvorführungen in Bierbars auch 10 000 Frauen um ihren einzigen Erwerb gebracht. Mit Mietsteigerungen und vergeblicher Jobsuche beginnt auch der Film, mit dem Bertolt Brecht und der bulgarische Regisseur Slatan Dudow 1932 die deutsche Politkino-Avantgarde mitbegründeten. Kuhle Wampe ist ein Spielfilm, arbeitet aber, wie Dutta, in seinen flächig nebeneinander gesetzten Kapiteln mit Mitteln der Collage und zitiert Gerichtsurteile und Zeitungsartikel, aber auch Waren-Etiketten und kleinbürgerliche Redensarten. Auch die Herren Brecht und Dudow geben unerwartet klar emanzipierter Weiblichkeit das Wort. Dass ein Gutachter des Innenministeriums im Rahmen des Zensurverfahrens neben Nacktbadeszenen und Angriffen auf SPD, Staat und Wirtschaftsordnung auch die anti-individualisierende Typisierung der Figuren monierte, inspirierte Brecht zu einem hübsch ironischen Seitenhieb auf den „scharfsinnigen Zensor“, der das Wesentliche seiner künstlerischen Absichten weitaus besser verstanden habe als die wohlwollendste Kritik. Am 21. April 1932 wurde eine gestutzte Fassung zur Vorführung zugelassen. Diese Version dürfte auch Grundlage der Kopie sein, die bis Sonntag in den Tilsiter Lichtspielen zum Einsatz kommt.

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