Kultur : City Lights: Blonde Venus - Kinder des Olymp - The Rocky Horror Picture Show

Frank Noack

Für sentimentale Menschen hatte Marlene Dietrich nur Verachtung übrig. Ausgerechnet sie droht nun zum Gegenstand eines sentimentalen Kults zu werden. Dabei hatte sie es niemals nötig, von irgendjemandem wiederentdeckt oder verteidigt zu werden. Will man Marlene Dietrich gegen ihre fragwürdigen Verehrer verteidigen, sind ihre frühen Leinwandauftritte bestens geeignet. Blonde Venus (1932) ist der einzige halbwegs realistische unter ihren sieben Filmen mit dem Regisseur Josef von Sternberg. Als deutschstämmige Amerikanerin Helen Faraday prostituiert sie sich, um ihrem Ehemann eine lebensrettende Operation zu bezahlen. Der Ehemann-Stolz ist gekränkt, doch er muss sich fügen, so wie im wahren Leben Rudolf Sieber alias Herr Dietrich. Dieser selten gezeigte Film dokumentiert die lockere Moral während der Weltwirtschaftskrise. Zu der Zeit wurde sexuelle Promiskuität nicht bestraft, sondern als Mittel zum Überleben geduldet. Einsamer Höhepunkt: Die "Hot Voodoo"-Nummer mit Marlene im Gorillakostüm. ( Montag im Arsenal ).

Ist das komplizierte Verhältnis der Deutschen zu Marlene Dietrich einzigartig? Ist es nicht. Die Amerikaner haben Charles Chaplin davongejagt, und in Frankreich musste Marcel Carné so viele Sticheleien ertragen, dass er aus Protest seinen Nachlass der French Library in Chicago übergab. Carné galt als Vertreter von Opas Kino und als Kollaborateur, der, statt zu emigrieren, während der deutschen Besatzung weiterinszenierte. Die Zeit hat für ihn gearbeitet. Kinder des Olymp (1945) ist vielleicht der größte französische Filmklassiker, und das nicht nur wegen des herausragenden Drehbuchs von Jacques Prévert und der erlesenen Besetzung. Das dreistündige Epos mag auf der inhaltlichen Ebene eine Liebeserklärung an das Theater sein; dank Carnés Regie wirkt der Film niemals theaterhaft. An der Seite von Arletty präsentiert sich Jean-Louis Barrault als unkonventioneller Liebhaber: Beim Küssen ist er es, der die Augen schließt. ( Freitag und Sonnabend im Babylon Mitte, Donnerstag bis Sonntag im Bali )

In den 70er Jahren konnte man wesentlich offener mit sexuellen Rollen spielen, davon zeugt der Kultfilm The Rocky Horror Picture Show (1975). Wirkt dieses durchgeknallte Transsexuellen-Musical noch immer? Oder haben sich seine Ideen abgenutzt? Ist Tim Curry als Dr. Frank-N-Furter längst übertroffen worden? Muss man als Zuschauer damit rechnen, von Reiskörnern und Wasserbeuteln getroffen zu werden? Zu überprüfen ist das am Montag im Eva-Kino . Gibt es ein besseres Vorprogramm zur Silvesterparty?

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