CITY Lights : Fettwanst gegen Feingeist

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In den letzten Tagen war viel über Heinrich George zu lesen, den Vater von Götz. Und im Oktober wird man viel über Gustaf Gründgens lesen, dessen 50. Todestag sich dann jährt. Wer die beiden nur aus aktuellen Medienreflexen kennt, könnte glauben, sie seien ein und dieselbe Person. Das liegt daran, dass sie derzeit vielfach auf ihre Tätigkeit im NS-Staat reduziert werden. Beide haben nach 1933 die Intendanz eines bedeutenden Theaters übernommen, sich für das Regime exponiert und zugleich Verfolgten geholfen. Abseits der biografischen Eckdaten aber tun sich vor allem Gegensätze auf: Bauchschauspieler gegen Kopfschauspieler, Instinkt gegen Intellekt, Fettwanst gegen Feingeist. In ihrem einzigen gemeinsamen Film spielen sie aneinander vorbei. Das Mädchen Johanna (1935) war schon vom Konzept her ein Wagnis: Jeanne d’Arc als Vorgängerin Adolf Hitlers, als opferbereite Straßenkämpferin, die flammende nationalistische Reden hält. Heraus kam dabei ein höchst unterhaltsames Desaster, visuell und musikalisch ansprechend, aber ideologisch konfus (Montag im Babylon Mitte). Da der Regisseur Gustav Ucicky sich offenkundig nur für die Lichtsetzung interessierte, machten die Schauspieler, was sie wollen. George und Gründgens sehen so aus, als seien sie während einer Theateraufführung mal kurz in die Ufa-Ateliers gestolpert: George war offenbar zu faul, für die Rolle des Herzogs von Burgund sein FalstaffKostüm abzulegen, Gründgens überrascht mit breiter Hutkrempe, Kopftuch und langen weißen Handschuhen. Er soll König Karl VII sein, sieht aber aus wie eine mittelalterliche Hofdame.

Der Gegensatz zwischen George und Gründgens ist zeitlos. Strukturell ähnliche Kontraste waren auch später im Neuen Deutschen Film spürbar. Nur dass die Genießer nicht in Berlin, sondern in München lebten. Zur inoffiziellen Münchner Gruppe gehörten Frohnaturen wie Klaus Lemke, Eckhardt Schmidt, May Spils und Roger Fritz – und Marran Gosov, eigentlich Tzvetan Marangosoff, der „Bulgare in Schwabing“, der Gila von Weitershausen als „Engelchen oder die Jungfrau von Bamberg“ zum Star machte. Das Arsenal ehrt ihn heute mit einem Kurzfilmprogramm und der Pornobranchen-Parodie Wonnekloß (1971), die er ohne Fördergelder finanziert hat. Er hat sich damit ruiniert und zugleich seinen Ruf gerettet. Ein Idealist wie er, der seine Existenz aufs Spiel setzt, steht langfristig besser da als ein Dauerschützling der Filmförderung.

Bevor osteuropäische Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden sind, stellten osteuropäische Komiker ihr Talent freiwillig in den Dienst der deutschen Kultur. Ein besonders populäres Team waren zu Beginn der Tonfilmzeit der tschechische Regisseur Carl Lamac und die tschechische Schauspielerin Anny Ondra. Ihre Spezialität war ein humorvoller Umgang mit der Weltwirtschaftskrise. Als Die vom Rummelplatz (1930) muss Ondra feststellen, dass ihre Eltern nicht am Staatstheater engagiert sind, wie sie behauptet haben, sondern in einer Jahrmarktsbude auftreten und trotzdem glücklich sind (Mittwoch in den Eva-Lichtspielen) – eine spannungsreiche Gesellschaftswahrnehmung, die in den linear seichten Soaps und tristen Sozialdramen dieser Tage viel zu selten ist.

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