CITY Lights : Gelobte Länder

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Die meisten Cinephilen haben schon mal von den Benshi gehört, jenen japanischen Stummfilm-Erzählern, die neben der kunstvollen Interpretation der Rollenstimmen das Geschehen auf der Leinwand auch mit eigenen Worten ausmalen und kommentieren. Einst waren sie ein wichtiges und heftig umworbenes Element der Filmvorführung, und auch heute wird ihre Kunst mancherorts experimentell reaktiviert. Auf traditionell japanische Weise jedoch wird sie nur noch selten betrieben.

Eine der bekanntesten praktizierenden Benshi-Künstlerinnen ist Midori Sawato, die auf ihrer Europa-Tournee jetzt auch Berlin mit zwei Auftritten beehrt und sich musikalisch von Flöte und Zupfinstrument begleiten lässt. Neben Kenji Mizoguchis kunstvollem moralischem Melodram Der Untergang von Osen von 1935 (Freitag im Japanisch-Deutschen Zentrum in Dahlem, Sonnabend im Babylon-Mitte) ist bei ihrem ersten Auftritt auch die kurze Komödie Kindersegen auf Irrwegen (1935) von Toragirô Saitô dabei – mit dem japanischen Chaplin-Pendant Shigeru Ogura in der männlichen Hauptrolle. Der Film ist ein herrlich anarchistisches Slapstickstück um die siebente Geburt einer kinderreichen (am Ende sind es achtzehn!) armen Familie: In einigen geschlechtersatirischen Einsprengseln führt er anschaulich vor, dass auch japanische Männer mal die Spielzeugeisenbahnen ihrer Söhne zum eigenen Vergnügen entwenden. Der ursprüngliche Filmtitel war übrigens, wörtlich übersetzt, „Geburten-Unkontrolle“ – in Anspielung auf die US-amerikanische Birth-Control-Aktivistin Margaret Sanger, die damals gerade Japan bereiste und – ebenso frühfeministisch wie prä-sarrazinesk – die Geburtenkontrolle für arme Familien propagierte. Für die Vorstellung in Dahlem wird um Anmeldung unter der Telefonnummer 839 07 123 gebeten.

Ebenfalls am Freitag eröffnet das Arsenal mit Danton eine große Andrzej-WajdaRetrospektive. Der polnische Regisseur setzt – ganz anders als Saitô und Mizoguchi – auf klassisches (und selbstverständlich katholisches) Männerkino: Tragische Helden scheitern stets kraftvoll, und sogar Lodzer Näherinnen sitzen – in Gelobtes Land (1974, Sonntag im Arsenal) – stets so leichtbekleidet wie bildhübsch an ihren Maschinen. Lobend hingewiesen sei dennoch auf dieses im Vergleich zu Wajdas Früh- und Spätwerk selten gezeigte und prächtig inszenierte dreistündige, monumentale Epos aus den Hochzeiten des polnischen Industrialisierungsrausches. Anders als die Literatur bedient das Kino diese Epoche eher stiefmütterlich; dabei hätte sie – und das zeigt Wajda hier eindrucksvoll – in Sachen filmmythischer Kraft durchaus das Zeug gehabt, eine Art Western-Genre in europäischem Maßstab herauszubilden.

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