CITY Lights : Größere Bögen

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Politik und indischer Film? Die beiden Begriffe lassen sich derzeit direkt mit der US-indischen Produktion „My Name is Khan“ kurzschließen, die Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan als indischstämmigen Forrest Gump auf eine antirassistische Mission durch die USA schickt: Doch das gutgemeinte Unterhaltungskino schlichterer Bauart bietet sich durchaus auch als Referenz für die von Dorothee Wenner und Nicole Wolf betreute Filmreihe „Moving Politics – Cinemas from India“ an. Das Programm im Arsenal, das sich bis September in drei thematischen Blöcken eng an eine parallele Ausstellung in der Deutschen Guggenheim anlehnt, spannt den Bogen vom Mainstream bis zum feministischen Essay, von den fünfziger Jahren bis heute.

Der erste Teil widmet sich dem Zusammenspiel von politischer Bewegtheit, kollektiver Aktion und filmischen Techniken. Hazaaroon Khwaishein Asi (Regie: Sudhir Mishra 2003, am Montag) ist strukturell wie ein Bollywood-Melodram angelegt. Der Film erzählt die politischprivaten Verwicklungen seiner drei Helden während des von Indira Ghandi 1975 verhängten Ausnahmezustands aber ohne Tanzeinlagen und artistische Opulenz: Indische Achtundsechziger-Lebensläufe zwischen maoistischem Bauernaufstand und Staatskarriere, Oxford und Ehe-Ödnis. Eröffnet wird die Reihe am Sonntag mit Faiza Khans Superman of Malegaon, einer amüsanten Low-BudgetDoku über die Dreharbeiten zu einem lokalen Superman-Remake in einer krisengebeutelten zentralindischen Industriestadt mit entsprechenden Konflikten: Bollywood kommt im Alltag an.

Eine andere Veranstaltung im Arsenal, die Kino und Diskurs zusammenführt, ist der „Picturing Violence“ genannte Abend, der die Vorführung von Errol Morris’ Standard Operation Procedure um eine – auf Englisch geführte – Debatte über mediale Gewaltdarstellung (Teilnehmer sind u.a. Kameramann Robert Chappell und Romuald Karmakar) erweitert. Morris’ filmische Untersuchung der Ereignisse hinter den Folterbildern aus Abu Ghraib war trotz aller politischer Relevanz auf der Berlinale 2008 wegen ihrer knallig-spekulativen Ästhetik höchst umstritten und dürfte ein hoffentlich differenziertes Gespräch anregen.

Ein ambitioniertes Konzept verfolgt auch das Projekt „Spuren eines Dritten Kinos“, mit der das Zeughaus-Kino die Verbindungen zwischen dem Kino im Umfeld der antikolonialen Befreiungsbewegungen der sechziger Jahre zum zeitgenössischen Filmschaffen dieser Regionen untersucht. In dieser Woche geht es um chinesische Dokumentationen, die die jüngsten sozialen und ökonomischen Veränderungen begleiten. Für den Omnibusfilm China Village Self-Governance Film (2006, am Sonnabend) dokumentieren zehn Bauern mit Digitalkameras die Fortschritte und Hindernisse bei der dörflichen Demokratisierung. Am selben Tag gibt es mit Wang Weis „My Village in 2007“ ein Spin-off dieses Projekts, wobei sich durchaus Verbindungen zum indischen Politkino mit seinen kommunitären Ansätzen spinnen lassen. Schade nur, dass die im chinesischen Dokumentarfilm zuletzt beeindruckenden Arbeiten jungen Regisseurinnen ganz fehlen.

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